Bildung im Vorübergehen:

Ludwig-Wucherer-Straße

Zusatzschild-Text:
Unternehmer und Kommunalpolitiker, förderte die Saaleschifffahrt und die Eisenbahnanbindung Halles, Freimaurer
Spender
gespendet von Nils Altermann, Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde, Freimaurerloge „Zu den fünf Türmen am Salzquell“, Ingo und Sigrid Kautz, Dr. Jürgen Metzner, Prof. Heinz Sahner, Falko Schulze, Ilse und Hubertus Sommerfeld
Status:
realisiert

Matthäus Ludwig Wucherer (1790-1861)

Die heutige Ludwig-Wucherer-Straße, eine Hauptverkehrsachse in Halles Innenstadt, die das Reileck mit dem Steintor verbindet, war Ende des 18. Jahrhunderts eine schnurgerade Chaussee: die alte Magdeburger Heerstraße. Erste Ansiedlungen waren große Gärten an ihrem oberen Ende, deren Adresse schlicht “Vor dem Steintor” lautete. Die Familie Wucherers erwarb um 1820 den Siegertschen Garten und nutze das parkähnliche Gelände mit seinen großen Gewächshäusern als Sommersitz. 1862, nach Wucherers Tod, wurde es von Dr. Julius Kühn erworben, der hier das Landwirtschaftliche Institut errichtete, welches noch heute seinen Sitz dort hat. 1864 erhielt die Chaussee den Namen „Wuchererstraße“, nach Protesten von Bürgern – wohl der Doppeldeutigkeit des Namens wegen – wurde sie 1898 in Ludwig-Wucherer-Straße umbenannt.

 

Aufgewachsen ist Mathäus Ludwig Wucherer allerdings in dem stattlichen Patrizierhaus in der Großen Ulrichstraße, der damaligen Nr. 73. Sein Vater, aus einer schwäbischen Predigerfamilie stammend, war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Halle ansässig geworden und betrieb erfolgreich eine große Golgasfabrik (Flanelldruckerei).

Geboren am 30. Mai 1790 als jüngstes von vier Geschwistern erhielt Ludwig eine ausgezeichnete Bildung auf einer Art Privatschule, die der Direktor der Franckeschen Stiftungen und spätere Kanzler der Universität, August Hermann Niemeyer, für seine eigenen sowie die Söhne einiger befreundeter Familien mit seiner Frau betrieb. Knapp zehnjährig wechselte er in das Pädagogikum der Franckeschen Stiftungen. Seine Neigung zu den Wissenschaften, besonders der Medizin, genährt durch den Einfluss seines Onkels, des Anatomen Meckel, musste er nach dem unerwarteten Tod seines älteren Bruders 1802 zu Gunsten einer intensiven kaufmännischen Ausbildung aufgeben, da von ihm nun die Nachfolge im väterlichen Geschäft erwartet wurde. 1806 ging er deshalb nach Breslau, zum großen Handelshaus Fröbus und Comp. 1810 kehrte er nach Halle zurück und übernahm praktisch die Leitung des seit dem Tod des Vaters 1804 von der Mutter verwalteten Geschäfts (nominell erst nach dem Tod der Mutter 1812).

Kriegswirren und Kontinentalsperre erschwerten die wirtschaftliche Situation erheblich. Das preußische Halle war inzwischen an das von Napoleons Bruder Jérôme regierte Königreich Westphalen angegliedert worden. Seine preußische Gesinnung verband Wucherer mit Keferstein, Steffens, Colbatzky, Reil und anderen Mitgliedern des “Patriotischen Schießklubs”, deren Ziel die Mobilmachung gegen die französische Herrschaft war. Im März 1813 folgte Wucherer dem Aufruf des Königs Friedrich Wilhelm III. und trat als reitender Jäger in das Lützowsche Freikorps ein. Im Juni wurde seine Abteilung von feindlichen Truppen aufgerieben, er geriet  schwer verwundet in Gefangenschaft. Während des Transports nach Frankreich gelang ihm die Flucht, und er schlug sich über Heidelberg nach Berlin durch. Nach der Völkerschlacht von Leipzig kehrte er kurz nach Halle zurück, um sich um sein zwischenzeitlich sequestiertes Vermögen zu kümmern, um noch im November des gleichen Jahres als Lieutenant in das Elb-National-Husarenregiment einzutreten. Er erwarb sich sowohl beim Kampf um Magdeburg als auch als Adjudant des Generals von Müfflingen bei der Schlacht von Waterloo Verdienste, die bei der preußischen Regierung wohlwollend zur Kenntnis genommen wurden, was sich später in seiner zivilen Tätigkeit durchaus als nützlich erwies. Nach Friedensschluss arbeitete er in Paris in der Kommission zur Rückholung der von Napoleon geraubten Kunstwerke.

Im Herbst 1815 kehrte er nach Halle zurück und widmete sich der kaufmännischen Leitung seiner Zeugdruckerei. Das Geschäft florierte innerhalb weniger Jahre, ein Großteil seiner Produkte fand im Ausland Absatz. Oberbürgermeister Streiber berief den energischen Unternehmer 1818 als unbesoldeten Stadtrat in den Magistrat. Sein Eifer und Erfolg bei der Tilgung der Kriegsschulden der Stadt Halle prädestinierten ihn zum Kämmerer, dessen besoldeten Posten er 1822 annahm.

Sein Sinn für das Allgemeinwohl, die ungeheure Energie und Schaffenskraft, die Wucherer sowohl als Stadtrat und Unternehmer wie auch als Privatperson auszeichneten, zeigen sich in unzähligen Beispielen:

Teuerung und drohende Hungersnot ließen ihn 1816 zusammen mit Carl August Schwetschke, Kaufmann Lehmann und dem Stärkefabrikanten Schmidt einen Brotverein gründen (sie sammelten Geld, ließen Brot backen, gaben es dann verbilligt an Arme ab und richtete öffentliche Suppenanstalten ein). Er kaufte zwei Familienhäuser in der Martinsgasse auf, um kinderreiche Familien gegen geringes Entgelt unterbringen zu können, und sorgte für die Gründung eines Vereins zum Bau von Familienwohnungen. Er arbeitete mit im Hilfsverein für die Betroffenen der Choleraepidemie von 1831, der Geld und Naturalien beschaffte sowie ein Lazarett und eine Speiseanstalt betrieb. Er ließ ein Arbeitshaus, zwei Kinderbewahranstalten sowie das Hospital St. Cyriaci et St. Antonii errichten. Er regulierte das Schulwesen, reformierte die Armenpflege und gründete mit Niemeyer die “Hallische Sparkassen-Gesellschaft” für den Mittelstand und Minderbemittelte. Die Erweiterung des Stadtgottesackers nach Norden und Osten sowie die Anlage von Promenaden zur Verschönerung des Stadtbildes gehen ebenfalls auf seine Initiative zurück.

Zentrum seiner Bemühungen war die Wiederbelebung und Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse in Halle und Umland nach den Befreingskriegen 1813-15. Er wusste um die enorme Bedeutung gut ausgebauter Handelsstraßen, Schifffahrtswege und neuer Verkehrswege. Unter seiner Ägide entstand 1817 die moderne Merseburger Chaussee, die Halle mit dem neuen ehemals sächsischen Landesteil im Süden verband. 1818 richtete er den ersten Warenausladeplatz an der Schieferbrücke ein und bemühte sich etliche Jahre, den Packhof aus der Kleinen Klausstraße, wo alle Güter zur Versteuerung hingebracht werden mussten, an den Standort Schieferbrücke zu verlegen, was erst 1837 gelang. 1823 war die Schiffbarmachung der Unstrut und Saale zwischen Artern und Halle beendet und nahm den Betrieb auf. Mit mehreren halleschen Kaufleuten gründete Wucherer 1826 das „Comité zur Beförderung der Hallischen Schiffahrt“.

Als sein Lebenswerk, das die Situation unserer Stadt bis in die heutige Zeit bestimmt, muss sein Kampf um den Eisenbahnanschluss Halles gesehen werden. 1829, vier Jahre, nachdem die erste Lokomotiveisenbahn in England in Betrieb ging, überwiegend als absurdes Transportmittel belächelt, erschien seine “Denkschrift den Bau einer Eisenbahn Leipzig-Halle-Magdeburg betreffend”, in welcher er die Eisenbahn als “wohlfeileres und rascheres Transportmittel”, sowohl günstig für Handel und Verkehr allgemein, als auch “gewinnversprechend für jeden Unternehmer” darstellt. Er schlug Leipzig, das selbst keinen Hafenzugang besaß, vor, die Strecke zur Anbindung der Stadt an den Saale-Hafen zu nutzen und so den Gütertransport bis Hamburg zu sichern. Es folgte ein zehnjähriges zähes Ringen, in dem Wucherer hartnäckig die Interessen Halles vor allem gegenüber Magdeburg, welches einen Direktanschluss an Leipzig unter Umgehung Halles favorisierte, vertrat. Dass Halle 1840 Hauptstation der ersten mitteldeutschen Eisenbahnlinie (damals durch drei Staaten laufend, und somit „international“) wurde, ist ohne Zweifel ihm zu verdanken. Bis an sein Lebensende kämpfte Wucherer darum, bei dem nun einsetzenden Streckenbau Halle in der Planung als Knotenpunkt zu etablieren. Mit der Westverbindung nach Kassel, später dann der Anbindung an Berlin über Wittenberg-Bitterfeld nahm seine Vision immer mehr Gestalt an.

Ebenfalls erwähnt werden muss Wucherers Initiative bei der Gründung der Handelskammer. 1844 wird das Statut der „Handelskammer der Stadt Halle und der Saalörter“ (Cröllwitz, Salzmünde, Wettin, Rothenburg, Alsleben) genehmigt, und Wucherer 1845 als Vorsitzender gewählt. Er unterstützte auch zahlreiche andere Organisationen, die sich für die Förderung des gewerblichen Lebens einsetzten.

Neben diesem umfangreichen wirtschaftlichen und gemeinnützigen Engagement fand Ludwig Wucherer noch Zeit, sich auch als Förderer des halleschen Kunstlebens hervorzutun: Auf seine Anregung entstand das hallische Theaterkomitee, er unterstützte Robert Franz finanziell, um Halle zur Händelstadt zu machen - auch das Händeldenkmal geht auf seine Initiative zurück, 1858 schenkte er der Marienbibliothek die Gesamtausgabe von Händels Werken, er gehörte dem Kunstverein an und war Vorsteher im Kirchenkollegium der Liebfrauenkirche – während seiner Amtsführung wurde der Altar nach einem Schinkelentwurf gebaut und das Altarbild aufgestellt. In Wucherers Haus verkehrten Schleiermacher, Meckel, Reichardt, Bertram, Jacob, Dryander, Steffens, Keferstein. Seit 1814 war er Mitglied in der Freimaurerloge „Zu den drei Degen“.

Für seine außerordentlichen Verdienste wurde er 1845 vom preußischen König mit dem Titel eines Geheimen Kommerzienrates ausgezeichnet, gefolgt vom roten Adlerorden dritter Klasse. Der Magistrat der Stadt Halle verlieh ihm den Titel “Stadtältester” sowie die silberne Bürgerkrone.


Quellen:

  • Stadtarchiv, FA, Signatur 523
  • Allgemeine Deutsche Biographie, hrsg. v. d. Historischen Kommission bei der Bayrischen Akademie der Wissenschaften, Band 44 (1898)
  • Erich Neuß: Ludwig Wucherer. Sein Leben und Wirken, hrsg. v. d. Industrie- und Handelskammer zu Halle, Halle 1926
  • Werner Piechocki: Ludwig Wucherer. Aus der Geschichte der Saalestadt, in: Der Neue Weg, Nr. 121, 127, 132, 138, 1990
  • Ludwig Wucherer und die Entwicklung des hallischen Eisenbahnverkehrs, in: Mitteilungen aus dem Verein für Heimatkunde Halle und Umg., Nr. 14, 1942
  • Siegmar Schultze-Galléra, Topographie oder Häuser- und Straßen-Geschichte der Stadt Halle a. d. Saale

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