Lyonel Feininger (1871–1956)


Am 17. Juli 1871 wurde Lyonel – Léonell Charles – Feininger als Sohn des Konzertmusikers Karl Feininger und der Sängerin und Pianistin Elisabeth Feininger in New York geboren.

Für ein Musikstudium kam er 1887 nach Deutschland, studierte jedoch mit dem Einverständnis der Eltern Kunst in Hamburg, Berlin und Paris. Musik blieb immer von elementarer Bedeutung für ihn. In seiner zweiten Lebenshälfte komponierte er Fugen im Stile Bachs, dessen Musik er liebte. Von seinen Bildern sagte er, sie ähnelten den Bachschen Fugen. Zum Lebensunterhalt arbeitete Feininger als Karikaturist für verschiedene satirische Zeitschriften in Deutschland, Amerika und Frankreich.

Erst im Alter von 36 Jahren begann Feininger mit der Malerei, seine bevorzugten Themen waren Architektur, Schiffe und das Meer. Feininger wohnte in Berlin und hatte in Weimar ein Atelier. Er liebte Fahrradfahrten durch die Thüringer Landschaft mit ihren reizvollen Dorfkirchen, die er in Skizzen und Fotografien sowie Gemälden festhielt. Das bekannteste Motiv ist die Dorfkirche von Gelmeroda. Aus der Begegnung mit dem Kubismus in Paris entstanden Feiningers prismatisch gebrochene Gemälde. Auch die Werke des englischen Malers William Turner faszinierten Feininger. Künstler der Gruppe „Die Brücke“, wie Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff, zählten zu seinen Freunden. Feininger sah sich selbst als expressionistischen Künstler, obwohl seine Kunst nicht einem einzelnen Zweig der modernen Kunst zugeordnet werden kann. Zusammen mit Wassili Kandinsky, Alexej v. Jawlenski und Paul Klee bildete er die expressionistische Künstlergruppe der „Blauen Vier“.

Schon als Kind war Feininger an technischen Dingen interessiert, zeichnete Eisenbahnen, Brücken und baute Schiffsmodelle. Später entwickelte er Holzspielzeug – u.a. entstand eine ganze Stadt, deren serienmäßige Herstellung der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhinderte.

1919 lud ihn Walter Gropius an das neu gegründete Bauhaus Weimar als Formmeister für Malerei und Graphik ohne Lehrverpflichtung. Als das Bauhaus nach Dessau umsiedelte, folgte Feininger und zog in eines der neu erbauten Meisterhäuser.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zwang Feininger, Deutschland zu verlassen. 1937 emigrierte er nach New York, wo er nur schwer Fuß fassen konnte. Er sehnte sich nach seiner wahren Heimat Deutschland, wo er fünfzig Jahre seines Lebens verbracht hatte und als Künstler erfolgreich war. Nach verschiedenen kleineren Ausstellungen erlebte er erst 1944 mit einer Retrospektive im Museum of Modern Art in New York den künstlerischen Durchbruch in Amerika.

Am 13. Jan. 1956 starb Feininger in New York.


„Halle is the most delightful town!”

Diesen freudigen Ausruf sandte am 21. Mai 1929 kein geringerer als der berühmte Bauhaus-Meister Lyonel Feininger nur wenige Tage nach seiner Ankunft in Halle an seine Frau Julia nach Dessau. Alois J. Schardt, seit 1926 Direktor des Museums in der Moritzburg, hatte bereits 1928, nach einer durch ihn in der Kapelle der Residenz organisierten Feininger-Ausstellung, zwei Bilder des Malers erworben. Nun wollte er im Auftrag des Bürgermeisters Feininger gewinnen, ein Porträt der Saalestadt zu malen, das als Geschenk für das Oberpräsidium in Magdeburg bestimmt war. Die Aussicht auf ein Atelier im obersten Geschoss des Torturmes der Moritzburg lockte Feininger nach Halle. Zu seiner größten Freude entdeckte er von dort oben die mittelalterlichen Strukturen der Stadt, ihre gewundenen Straßen und Gassen, die ungewöhnlichen, das Stadtzentrum dominierenden Bauten von Marktkirche, Rotem Turm und Dom. Er durchstreifte voller Begeisterung mit Skizzenbuch und Fotoapparat die zum Markt führenden Gassen und wusste, dass es nicht bei einem Bild bleiben würde. Bis 1931 entstanden 11 Gemälde, die zusammen mit 29 ausgeführten Kohlezeichnungen im gleichen Jahr durch den kunstsinnigen Oberbürgermeister Richard Robert Rive für das Museum erworben wurden. Feiningers Wunsch, sich mit der Familie in Halle niederzulassen, ließ sich nicht mehr realisieren. Der Künstler und sein Werk wurden in der Zeit des Faschismus als „entartet“ erklärt, 400 seiner Werke aus deutschen Museen entfernt. Zwei der Halle-Bilder waren auf der sogenannten Schandausstellung „Entartete Kunst“ 1937 in München zu sehen. Im gleichen Jahr emigrierte Lyonel Feininger nach New York.

„Es ist zu merkwürdig, wie ich hier mit einem Male ein neuer Mensch bin – die Farbigkeit, die Atmosphäre, mein Raum – alles trägt mich und regt mich an; die Konzentration ist so vollkommen.“ L. Feininger, 21.03.1931