Bildung im Vorübergehen:

Anton-Wilhelm-Amo-Straße

Zusatzschild-Text:
Erster afrodeutscher Akademiker, 1727–1730 Studium in Halle, 1736–1739 Dozent an der Philosophischen Fakultät
Spender:
gespendet von Institut für Marktordnungs- und Berufsrecht e.V. (IMBR) der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Status:
Vorschlag

Anton Wilhelm Amo (um 1700 – nach 1753)

Mit der Anton-Wilhelm-Amo-Straße erinnert die Stadt Halle (Saale) an einen Mann, dessen Lebensweg in einzigartiger Weise Westafrika und Mitteldeutschland verbindet: Anton Wilhelm Amo war der erste Afrikaner, der an einer europäischen Universität einen akademischen Grad erwarb, die Lehrbefugnis erhielt und über Jahre an Hochschulen unterrichtete. Studiert und gelehrt hat er an drei mitteldeutschen Universitäten – in Halle, Wittenberg und Jena. 

Von Axim an den Hof zu Wolfenbüttel
Geboren wurde Amo um 1700 in der Gegend von Axim im damaligen Guinea, dem heutigen Ghana. Wie er als Kind nach Europa gelangte, lässt sich aus den erhaltenen Quellen nicht zweifelsfrei rekonstruieren. Belegt ist, dass er 1708 an den Hof Anton Ulrichs von Braunschweig-Wolfenbüttel kam und am 29. Juli 1708 in der Schlosskapelle Salzdahlum lutherisch getauft wurde – auf den Namen Anton Wilhelm. Die herzogliche Familie übernahm seine Erziehung und finanzierte später sein Studium. Am Hof war er zeitweise als „Kammermohr“ beschäftigt; spätestens ab 1716/17 erhielt er ein regelmäßiges Gehalt.

Studium in Halle: De iure Maurorum in Europa
Im Juni 1727 immatrikulierte sich Amo an der hallischen Friedrichs-Universität als Student der Philosophie. Sein Eintrag in der Matrikel lautet: „Antonius Guilielmus Cognominatus Amo. Aethiops. Ab Aximo in Guinéa Africana. Phil. Stud.“ Bereits am 28. November 1729 hielt er unter dem Vorsitz des angesehenen Juristen und Kanzlers Johann Peter von Ludewig (1668–1743) eine öffentliche Disputation mit dem Titel „De iure Maurorum in Europa“ – „Über das Recht der Mohren in Europa“.
Amo befasste sich darin mit der Rechtsstellung und der rechtlichen Freiheit von Afrikanerinnen und Afrikanern in Europa. Sein Argument knüpfte an das Selbstverständnis des Heiligen Römischen Reiches als Nachfolger des antiken Rom an: Da Nordafrika einst römische Provinz und seine Einwohner damit Bürger des Reiches gewesen seien, konnten Afrikaner – so die Stoßrichtung – innerhalb des Reiches nicht versklavt werden. Die zugehörige Schrift ist nicht erhalten; bekannt ist die Disputation nur aus einem kurzen zeitgenössischen Bericht in den „Wöchentlichen Hallischen Frage- und Anzeigungs-Nachrichten“. Dass man dem afrikanischen Studenten gerade dieses Thema übertrug, zeigt, wie eng seine persönliche Lebensgeschichte und die juristischen Debatten der Zeit miteinander verwoben waren.

Magister, Dissertation und „Commandeur“ einer Königsparade
Im September 1730 wechselte Amo an die sächsische Universität Wittenberg, ein Zentrum der lutherischen Orthodoxie. Knapp zwei Monate später wurde er zum Magister der Philosophie ernannt. Welch hohes Ansehen er in Wittenberg genoss, macht ein Ereignis aus dem Mai 1733 deutlich: Anlässlich des feierlichen Empfangs des neuen Königs August III. von Polen führte Amo als „Commandeur“ die Parade der Studierenden an – „schwartz gekleidet, einen propren Stock in der Hand tragend, und über die Weste mit einem breiten weissen Ordens-Bande angethan“, wie es in einem zeitgenössischen Bericht heißt.
1734 verteidigte Amo seine Dissertation „De humanae mentis Apatheia“ – „Über die Apatheia der menschlichen Seele“. In ihr arbeitete er heraus, warum die immaterielle Seele nach seiner Auffassung weder über Sinneswahrnehmung noch über das Vermögen dazu verfügt: Empfindungen seien Sache des lebendigen, organischen Körpers; die Seele könne sie zwar denken und verstehen, aber nicht selbst empfinden. Damit setzte sich Amo ausdrücklich von Descartes ab und legte einen eigenständigen Beitrag zur frühneuzeitlichen Debatte um das Verhältnis von Leib und Seele vor. Der Dekan der philosophischen Fakultät erklärte, die Arbeit sei ohne Verbesserungen angenommen worden; der Wittenberger Rektor Johann Gottfried Kraus stellte Amo in eine Reihe mit nordafrikanischen Gelehrten der Spätantike wie Augustinus, Tertullian oder Cyprian von Karthago. Im April 1734 wurde Amo zum „Magister Legens“ ernannt und erhielt damit das Recht, an der Universität Wittenberg Vorlesungen zu halten.

Lehrtätigkeit in Halle und der „Traktat“ von 1738
1736 kehrte Amo nach Halle zurück, nun als Dozent. Im Dekanatsbuch der Philosophischen Fakultät wird er am 21. Juli 1736 ausdrücklich als „gelehrter und armer Mann“ („viro docto et pauperi“) bezeichnet, der seines „durchlauchtigsten Schutzherrn“ – Herzog Ludwig Rudolf war 1735 verstorben – „kürzlich beraubt“ worden sei. In seinen drei hallischen Lehrjahren entstand sein einziges in Buchform veröffentlichtes Werk: der „Tractatus de arte sobrie et accurate philosophandi“ („Traktat von der Kunst, nüchtern und sorgfältig zu philosophieren“) von 1738. Das Buch war als Begleitlehrbuch für seine Vorlesungen gedacht und behandelt Logik, Erkenntnistheorie, Psychologie und die Kunst des Disputierens – mit zahlreichen eigenständigen Gedanken, die über das in Lehrbüchern Übliche weit hinausweisen.

Jena – und der Weg zurück nach Westafrika
1739 wechselte Amo an die Universität Jena, wo er Vorlesungen unter anderem zur Kryptographie, die er als „Dechifrir-Kunst“ und Mittel gegen Vorurteile verstand, sowie zu eher entlegenen Gebieten der Philosophie hielt. In den 1740er Jahren verschlechterte sich seine Lage. Belegt ist ein offen rassistisches Spottgedicht Johann Ernst Philippis aus dem Jahr 1747, das den deutlichen Kontrast zur Hochachtung markiert, die Amo nur wenige Jahre zuvor in Wittenberg entgegengebracht worden war. Im Jahr darauf trat Amo die Rückreise an. Über die Niederländische Westindien-Kompanie gelangte er nach Westafrika zurück, fand in Axim Mitglieder seiner Familie und lebte später im Fort San Sebastian in Shama (Ghana). Sein Grab befindet sich in unmittelbarer Nähe des Forts.

Erinnerung in Halle
Anton Wilhelm Amo gehört zu den ungewöhnlichsten Gestalten der frühen deutschen Aufklärung. Sein Werk – die Disputation zum „Mohrenrecht“, die „Apatheia“ und der „Traktat“ von 1738 – verbindet juristisches, philosophisches und psychologisches Denken auf hohem Niveau. Lange Zeit weitgehend vergessen, wird Amo seit Mitte des 20. Jahrhunderts wieder erforscht. Die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg verleiht seit 1994 den Anton-Wilhelm-Amo-Preis für herausragende Abschlussarbeiten und richtet jährlich die Anton-Wilhelm-Amo-Lecture aus; seit 2020 setzt sich eine eigene Rektoratskommission mit dem Gedenken an Amo auseinander. Im November 2024 wurde der frühere Hörsaal IV am Steintor-Campus (Ludwig-Wucherer-Straße 2) feierlich in „Hörsaal Anton Wilhelm Amo“ umbenannt.
Mit der Benennung des Abzweigs des Universitätsrings zwischen Harz/Weidenplan und Unterberg in „Anton-Wilhelm-Amo-Straße“ wird dieses akademische Gedenken nun in den öffentlichen Stadtraum verlängert: Sein Name rückt dorthin, wo er hingehört – in das unmittelbare Umfeld der Universität, an der er studiert, promoviert und gelehrt hat. Das Zusatzschild der Aktion „Bildung im Vorübergehen“ hält die Erinnerung an ihn wach – und lädt Vorübergehende ein, einen Augenblick innezuhalten und einen außergewöhnlichen Lebensweg zu entdecken.

Claus Gienke

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