Bildung im Vorübergehen:

Tieckstraße

Zusatzschild-Text:
Dichter, Schriftsteller, Herausgeber und Übersetzer der Romantik, 1792 Student in Halle
Spender
gespendet von einer in der Tieckstraße wohnenden Familie
Status:
realisiert

Johann Ludwig Tieck (17731853)

Anfänge

Es ist halt vieles relativ – auch in der Literatur, und auch im Nachruhm der Literaten.
Wenn wir die kleine Straße bedenken, die nach dem eher großen Romantik-Autor Ludwig Tieck aus Berlin benannt ist, wird mancher Tieck-Liebhaber nicht zufrieden sein über die schmale Würdigung. Der Zeitgenosse und Kollege Friedrich Hebbel nannte ihn gar den „König der Romantik“. 
Ludwig Tieck wurde am 31. Mai 1773 in Berlin geboren, als Sohn eines Seilermeisters. Schon mit drei Jahren begann er mit ersten Leseübungen.

Dass Ludwig Tieck überhaupt in Halle durch die Benennung einer Straße gewürdigt ist, hat jedenfalls Berechtigung. Der junge Ludwig hat sich nämlich im Jahre 1792 hier in Halle zu einem Kurzstudium an der Universität aufgehalten, ehe er dann in den politisch unruhigen Zeiten weiterzog nach Göttingen, Erlangen. Das Studieren gab er dann sowieso bald auf.
Deutlich ist, dass der kreative Beginn aus seinem eigenen Impuls von wissenschaftlichen Grundlagen untermauert werden sollte, z.B. auch von geschichtlichen Kenntnissen. Und dieser Anfangsimpuls hat ihn dann im Laufe seines Schaffens zum Hauptvertreter der Romantik gemacht – einer bestimmten Richtung der Romantik, die von der Entdeckung der Welt des ausgehenden Mittelalters geprägt ist. 
Wie damals üblich, zog er auch auf Schusters Rappen durch die Lande und entdeckte da zusammen mit seinem unternehmungslustigen Schulfreund Heinrich Wackenroder die Welt des Fränkischen – und Albrecht Dürers. Zusammen entwarfen sie das Werk mit dem heute umständlich, ja altfränkisch anmutenden Titel „Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“, 1797 war Tieck dann der Herausgeber. Da Wackenroder früh an Typhus verstarb, nahm Tieck nun allein alle Anregungen und Eindrücke in seine eigene Schaffenskraft.

Vorbild

Zum beispielhaften Vorreiter des sogenannten „Bildungsroman“ stieg Ludwig Tieck auf durch seinen 1798 in Berlin veröffentlichten Roman „Franz Sternbalds Wanderungen“. In diesem sogenannten „Bildungsroman“ verbirgt sich vor allem ein „Künstlerroman“, also die Darstellung eines besonderen Bürgers, nicht eines Bildungsbürgers, schon gar nicht eines Spießbürgers. Es geht um die widerspruchsreiche Entwicklung der künstlerischen Begabung des Menschen inmitten der sogenannten Normalwelt.
Dieser von ihm geschaffene Romantypus diente vielen berühmten Größen als Anregung. Bis in die Moderne. Als Beispiel soll erwähnt sein von Thomas Mann „Dr. Faustus“, der übrigens teilweise in Halle und Umfeld angesiedelt ist.

Zeitgenossenschaft

Ludwig Tieck bündelte die Künste zusammen: die Malerei, die Musik, die Dichtung – von der Lyrik bis zum Schauspiel. Natürlich ist er auch in Giebichenstein zu Gast gewesen, auch wegen der Ehe mit einer Schwägerin Reichardts. Aber es ging ihm wie vielen: durch Reichardts Begabung gelangte er immer stärker zur Inszenierung des Romantischen, als ein wahrer Bürger Giebichensteins. Hier vertiefte er die in Jena begonnene Freundschaft mit dem geschätzten Novalis.
Die außerordentliche und bekannte deklamatorische Begabung Tiecks passte natürlich bestens ins Giebichensteiner Milieu und Konzept.
Übrigens konnte Tieck am Beispiel von Reichardts begabter Tochter Luise schon Vorstudien für die Beziehung zu seiner Tochter Dorothea machen, die ihn mit ihrer Übersetzertätigkeit später zum „König der Shakespeare-Übersetzer“ erhob. Giebichenstein – wiederum ein magischer Ort und beispielgebend.

Nachruhm

Heute werden Tiecks eigene Werke selten gelesen – vielleicht am ehesten „Der blonde Ekbert“, das erste deutsche Kunstmärchen. Interessant vielleicht für Märchenfreunde ist, dass hier das sogenannte Volksmärchen (z. B. gleichzeitig von den Brüdern Grimm gesammelt) eine Art Pendant findet. Was auf jeden Fall bleibt, ist Tiecks Projekt mit Namen „William Shakespeare“. Früh hatte er sich dem Übersetzen gewidmet, mit dem Spanischen begonnen, beispielsweise mit Cervantes „Don Quixote“. Das Übersetzen als eine eigene Form der Poesie lag allen Romantikern am Herzen – der Grundgedanke war „Poesie der Poesie“. Und in Jenas Romantikerkreis war es vor allem August Wilhelm Schlegel, der sich Shakespeares Bühnenwerken widmete. Um diese Zeit hatte Tieck schon mit anderer englischer Literatur gearbeitet. Als Schlegel seinen Plan einer Shakespeare-Gesamtübersetzung 1810 fallen ließ, kam die ihn bis heute kennzeichnende Ruhmes-Chance für den Namen „Tieck“. Bis zum heutigen Tage werden die meisten Shakespeare-Stücke nämlich nach der Übersetzung „Schlegel/Tieck“ aufgeführt, wie man in den Programmheften lesen kann. 
Allerdings muss man eine wichtige Einschränkung machen: Die Haupt-Arbeit des Übersetzens leistete seine Tochter Dorothea Tieck. Sie hat seit 1820 sämtliche Sonette Shakespeares übersetzt, vom Vater öffentlich als Arbeit eines „jüngeren Freundes“ verbrämt. Bei der Mammut-Aufgabe der Bühnenwerke half ihr selbstlos – das war dann in Dresden – der Intellektuelle Wolf Graf von Baudissin. Ludwig Tieck übernahm die Rolle des Redakteurs, Kritikers, Lektors – und schließlich des Herausgebers, natürlich mit vorangestellter Nennung Schlegels.

Die Zurückgenommenheit Tiecks ist auch ein Resultat seines schlechten Gesundheitszustandes gewesen: seit 1809 chronische Gichterkrankung mit zahlreichen Kuraufenthalten, dabei 1836 ein schwerer Unfall auf der Fahrt zur Kur. Seit 1850 ständiges Krankenlager, am 28. April 1853 stirbt Tieck in Berlin nach zahlreichen Schlaganfällen.

Es ist wichtig, dass sich im Laufe langer Nachforschungen der weibliche Anteil bei dieser Jahrhundertleistung der Schlegel-Tieck-Übersetzung immer mehr herauskristallisiert hat. Ludwig Tieck konnte stolz auf seine Tochter Dorothea sein. Und wir freuen uns, dass da auch Halle mit der Tradition Giebichensteins einbezogen ist.

Ingeborg von Lips

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