Bildung im Vorübergehen:

Paul Singer

Zusatzschild-Text:
Kaufmann und Politiker in Berlin, Mitbegründer und Vorsitzender der SPD
Spender:
gespendet von SPD-Ortsverein Halle-Nordost
Status:
Vorschlag

Paul Singer (1844 - 1911)

Auf vielen der sozialdemokratischen Stickbilder, die man in Museen besichtigen kann, sieht man eingeklebte Fotos eines Mannes mit einem markanten Backenbart neben Bildern von Marx, Engels, Bebel, Liebknecht oder Lasalle. In den neunzehn Jahren von 1890 bis 1909, in denen Paul Singer neben August Bebel als Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands amtierte, standen seine Bekanntheit und seine Popularität in der Arbeiterbewegung der des Arbeiterkaisers Bebel in nichts nach.

Dabei war der am 16. Januar 1844 geborene Sohn eines Berliner jüdischen Kaufmanns eher ein Mann des Kompromisses und der leisen Töne. Geschäftlich erfolgreich, engagierte er sich bereits als junger Mann politisch. Mit 18 Jahren trat er der linksliberalen Deutschen Fortschrittspartei bei. 1868 lernte Singer Bebel und Wilhelm Liebknecht kennen, mit denen ihn von da an eine lebenslange Freundschaft verband. 1869 trat er der SDAP bei. Der Schritt des Unternehmers vom radikaldemokratischen, republikanischen Liberalen zum Sozialdemokraten war weniger ungewöhnlich als es heute scheint. Franz Mehring ging ihn und Rudolf Breitscheid eine Generation später auch. Finanziell unabhängig und bis 1883 ohne Mandat für seine Partei wurde er insbesondere in den Jahren des Sozialistengesetzes unverzichtbarer Organisator und Leitfigur der Berliner Sozialdemokratie. Er gab ab 1879 die illegale Zeitung der verbotenen Partei, den „Sozialdemokrat“ und ab 1884 das „Berliner Volksblatt“ heraus. 1883 wurde Singer sowohl in die Berliner Stadtverordnetenversammlung als auch in den Reichstag gewählt. Der doppelte Außenseiter hatte von da an nicht nur den Hass zu ertragen, der Sozialdemokraten entgegenschlug, sondern auch den Antisemitismus, der weit über konservative Kreise hinausreichte. 1886 bekam er diesen Hass in Form staatlicher Repression zu spüren. Er wurde aus Berlin ausgewiesen und musste seinen Wohnsitz außerhalb Preußens in Dresden nehmen. Das hat ihn nicht daran gehindert, politisch zu arbeiten. 1890 wählte der erste Parteitag der wieder zugelassenen SPD ihn in Halle zum Vorsitzenden der Partei neben Alwin Gerisch, ab 1892 neben August Bebel. Der „Großglockner“, wie er genannt wurde, weil er bis 1909 mit einer Ausnahme alle Parteitage leitete und die Parteitagsglocke schwang, wurde im Reichstag und in der Partei eine feste Größe. Es gab das Willy-Brandt-Wort vom Zusammenhalten des Ladens noch nicht. Aber genau diese Funktion füllte Singer neben dem streitlustigen Bebel aus. Bis zu seinem Tod stand sein Backenbart für die Berliner SPD, deren Fraktionsvorsitzender er von 1887 bis 1911 war. Paul Singer starb am 31. Januar 1911. Seine Beerdigung auf dem Berliner Zentralfriedhof Friedrichsfelde führte fast eine Million Menschen zu einem Trauerzug zusammen.

Dr. Andreas Schmidt

Quellen
Reuter, Uta: Paul, Singer (1844-1911). Eine politische Biographie, Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 138, Düsseldorf 2004.
Engelmann, Bernt: Vorwärts und nicht vergessen. Vom verfolgten Geheimbund zur Kanzlerpartei. Wege und Irrwege der deutschen Sozialdemokratie, München 1984.

 

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