Bildung im Vorübergehen:

Leo-Herwegen-Straße

Zusatzschild-Text:
Bergingenieur, Mitgründer der CDU in Sachsen-Anhalt, Opfer politischer Verfolgung in der NS-Zeit und in der DDR
Spender:
gespendet von Ruth Binnewies
Status:
Vorschlag

Leo Herwegen (1886-1972)

Am 25. Februar 1886 wurde Leo Wilhelm Herwegen als dritter Sohn des Gymnasiallehrers Dr. August Herwegen in Köln geboren. Nach dem Abitur absolvierte er ein Jahr lang Praktika in Gruben und in Maschinenwerkstätten, bevor er ab 1905 an der Bergakademie in Clausthal und später an der Technischen Hochschule in Aachen Bergingenieurwesen studierte. 1911 promovierte er zum Dr.-Ing in Aachen und blieb für weitere zwei Jahre als Assistent in der Abteilung Bergbau. Mehrere Studien- und Geschäftsreisen führten ihn u. a. nach London, wo er bei der Mineral Separation Ltd. & Co. arbeitete. Auch für deren Generalvertetung, die Tellus AG in Frankfurt/Main war er tätig. 1914 übernahm er die Leitung der Gewerkschaft „Evelinens Glück“ in Rothenzechau im Riesengebirge (Kupfer-Arsen-Bergwerk, Dolomitbrüche, Terazzowerk und Kalkwerk).
Wegen eines chronischen Ohrenleidens wurde Leo Herwegen im Ersten Weltkrieg vom Militärdienst befreit. Er kam 1915 zur Riebeck‘schen Montanwerke AG, zunächst als Direktionsassistent, später als Abteilungsleiter. 1927 wurde er Abteilungsleiter in der Bergwerksverwaltung des IG Farben-Konzerns.

1919 trat Leo Herwegen in die Deutsche Zentrumspartei ein, war zunächst Mitglied im Parteivorstand des Regierungsbezirkes Merseburg, später für die ganze Provinz Sachsen. Von 1919 bis 1933 war er Mitglied des Provinzial-Landtages und von 1931 bis 1933 zugleich Mitglied des Provinzialausschusses. Während der Zeit des Nationalsozialismus‘ zog sich Herwegen aus der politischen Öffentlichkeit zurück. Er wurde dennoch von der Gestapo überwacht und musste Hausdurchsuchungen erdulden. Wegen des Verdachts auf Mitwirkung am Attentat auf Hitler im Juli 1944 wurde Leo Herwegen kurzzeitig verhaftet.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges gehörte Leo Herwegen im Juli 1945 zu den Mitgründern der CDU in der Provinz Sachsen, deren 1. Vorsitzender er von 1945 bis Mai 1948 war, danach stellvertretender Vorsitzender bis November 1949. Im August 1945 übernahm er als Präsidialdirektor die Leitung des Amtes für Brennstoffindustrie und Energiewirtschaft in der Provinzverwaltung Sachsen. Bei den Landtagtswahlen im Oktober 1946 wurde Leo Herwegen zum Abgeordneten für die CDU gewählt. In der neuen Landesregierung unter Ministerpräsident Erhard Hübener wurde Herwegen im Dezember 1946 zum Minister für Arbeit und Sozialpolitik ernannt. Dabei erwarb er sich vor allem große Verdienste in der Gesundheitspolitik und in der Fürsorge für die in Sachsen-Anhalt besonders zahlreichen Vertriebenen. 1948/49 war er zudem Mitglied des Deutschen Volksrates und ab Oktober 1949 Abgeordneter der Provisorischen Volkskammer der DDR.

Im November 1949 wurde Leo Herwegen verhaftet und wenig später aller Ämter enthoben. Schon in den Jahren zuvor geriet er unter politischen Druck, da die CDU-Landespartei auch nach der Gründung der DDR im Oktober 1949 an der Einheit Deutschlands festhielt und die Anerkennung der führenden Rolle der SED verweigerte. Zusammen mit dem stellvertretenden Wirtschaftsminister Willi Brundert (SPD/SED) und sieben weiteren Personen wurde er in dem ersten großen politischen Schauprozess der DDR im Dessauer Theater vom 24. bis 29. April 1950 vor Gericht gestellt und ohne rechtsstaatliche Grundlage und ohne Beweise zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Den Angeklagten wurden Verbrechen „zum Schaden des Volkseigentums“, „Sabotage bei der Sozialisierung“ vorgeworfen. Angeblich haben sie 1946 im Zusammenhang mit der Verstaatlichung der Deutschen Continental-Gas-Gesellschaft, deren Stammsitz in Dessau lag, Vermögenswerte an Tochtergesellschaften in den Westzonen „verschoben“. Die durch den Druck der Besatzungsmacht eingeschüchterte Partei hatte der Aufhebung der Immunität Herwegens zugestimmt und ihren Gründungsvorsitzenden am 24. November 1949 aus der Partei ausgeschlossen.

Bis 1956 blieb Herwegen in Haft, davon drei Jahre in Einzelhaft in Brandenburg. 1958 floh er in die Bundesrepublik Deutschland, wo er nach Stationen in Hildesheim und Steimel (Westerwald) bis zu seinem Tod am 9. Mai 1972 zurückgezogen in Bad Honnef lebte.

Quellen:
Andreas Grau: Leo Herwegen. www.kas.de/de/web/geschichte-der-cdu/personen/biogramm-detail/-/content/leo-herwegen

André Gursky: Die Vorgeschichte des Dessauer Schauprozesses. Magdeburg 2000

Stadtarchiv Halle, Familienarchiv FA 4616 Herwegen, Leo Dr.-Ing.

Wentker, Hermann: Justiz in der SBZ/DDR 1945-1953, 2001; Wille, Manfred: Leo Herwegen (1886-1972); in Tullner, Mathias (Hrsg.): Persönlichkeiten der Geschichte Sachsen-Anhalts, Halle (Saale) 1998, S. 230 ff.

 

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