Bildung im Vorübergehen:

Guido-Kisch-Straße

Zusatzschild-Text:
Jurist und Rechtshistoriker, 1922 – 1933 Professor in Halle, Forschungen u.a. zur jüdischen Rechtsgeschichte, 1933 Entlassung durch das NS-Regime
Spender:
gespendet von Wilfried Henning
Status:
realisiert am 07.12.2021

Guido Kisch (1889-1985)

Am 22. Januar 1889 wurde Guido Kisch als zweiter Sohn des Prager Rabbiners Alexander Kisch und dessen Frau Charlotte, geb. Pollatschek, in Prag (damals Teil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie) geboren. Einer seiner Vorfahren, Abraham Kisch (1725-1803), hat 1749 als erster Jude in Halle seine Promotion zum Doktor der Medizin ablegen dürfen. Ein Onkel väterlicherseits war der bekannte Balneologe Enoch Heinrich Kisch (1841-1918). Nach dem Studium der Rechtswissenschaften an der Deutschen Universität Prag promovierte Guido Kisch dort im Jahr 1913 und habilitierte sich 1915 in Leipzig bei dem Zivilprozessrechtler Adolf Wach (1843-1926) mit der Arbeit Der deutsche Arrestprozess in seiner geschichtlichen Entwicklung.

Während seiner fünfjährigen Tätigkeit als Privatdozent in Leipzig sammelte und studierte er Schöffenspruchbücher als Quellen der Rechtsgeschichte, um einen Überblick über die Rechtsprechung der beiden bedeutendsten sächsischen Schöffenstühle Magdeburg und Leipzig als Grundlage einer praktischen Handhabung des Rechts im Hoch- und Spätmittelalter zu erhalten.
1920 erhielt er den Ruf auf die Professur für Rechtsgeschichte an der Universität Königsberg. Hier lag sein Forschungsschwerpunkt auf der Rechtsgeschichte des Deutschordenslandes.
Bereits zwei Jahre später wurde Guido Kisch als ordentlicher Professor an die Universität Halle berufen. Zur gleichen Zeit erreichte ihn ein Ruf an die Deutsche Universität Prag. Aufgrund der bereits in diesen Jahren fortschreitenden antisemitischen Bedrohung unter der Studentenschaft zog Kisch die Professur in Halle vor und weilte 1924-25 nur zu einer Gastprofessur an der Prager Universität. In Halle blieb er bis zu seiner Amtsenthebung auf der Basis des sog. Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums der Nationalsozialisten 1933 tätig.
Kisch las in Halle deutsche Rechtsgeschichte, Handelsrecht, Schiffahrtsrecht, Wechsel- und Wertpapierrecht und – am Sitz des Oberbergamts – auch Bergrecht. Neben den Hauptvorlesungen bot er zusätzlich zu den Lektüreseminaren und der Interpretation mittelalterlicher Quellen eine Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der deutschen Rechtsgeschichte an. Sein besonderes Verdienst liegt in der Einordnung des Sachsenspiegels und des Magdeburger Rechts in einen europäischen Kontext. Außerdem spürte er der Rechts- und Sozialgeschichte der hier seit Jahrhunderten ansässigen jüdischen Gemeinde nach. Von 1929 bis 1936 war Kisch ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift für die Geschichte der Juden in Deutschland.
Wie schon in Königsberg betrieb Kisch auch in Halle den Aufbau der umfangreichen Seminarbibliothek.
Guido Kisch wohnte mit seiner Familie – seiner Frau Hildegard, geb. Feywulowitz, und seinem 1930 in Halle geborenen Sohn Alexander – zunächst bei verschiedenen Professoren zur Untermiete. 1932-33 ließ er sich ein Haus in der Schwuchtstraße in Kröllwitz errichten, das er jedoch aufgrund der Vertreibung durch die Nationalsozialisten nur kurz als Zuhause genießen konnte.

Um nach seiner Amtsenthebung seinen Lebensunterhalt aufzubessern, hielt Guido Kisch jüdisch-historische Vorträge in Köln, Chemnitz, Nürnberg, Kassel, Prag und Breslau. 1935 schließlich emigrierte er in die USA. Hier fiel es ihm schwer, heimisch zu werden und wissenschaftlich Fuß zu fassen. Zunächst unterrichtete er in der American Academy for Jewish Research. Von 1937 bis zu seiner Emeritierung 1958 war er für das Hebrew Union College tätig. Unermüdlich arbeitete er unter nicht immer einfachen Arbeitsbedingungen an seinem Thema, der Rechtsgeschichte der Juden in Europa. Und er erforschte die Geschichte der Juden in der Neuen Welt.
1938 gründete Guido Kisch die Zeitschrift Historia iudaica: A journal of studies in Jewish history, especially in legal and economic history of Jews, deren Herausgeber er bis zu deren Einstellung 1961 war. Sie ist in der Folge mit der französischen Zeitschrift Revue des Études Juives vereint worden und Guido Kisch arbeitete weiter daran mit. Außerdem regte er die Gründung einer rechtsgeschichtlichen Zeitschrift an.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bemühte sich Guido Kisch vergeblich um die Rückführung seines Hauses und seines in Halle zurückgelassenen wissenschaftlichen und persönlichen Eigentums wie auch um seine wissenschaftliche Rehabilitierung und die finanzielle Entschädigung für das ihm angetane Unrecht.

Auch nach zehnjährigem Aufenthalt in Amerika mit „emsiger Arbeit und unablässigen Bemühungen“ (Kisch) hatte er keine Aussicht auf eine gesicherte Stellung und akademische Eingliederung. Er wollte nach Europa zurückkehren, um hier wieder seinen rechthistorischen Studien nachgehen zu können, nach Deutschland zog es ihn aber nicht.
Nach einer Gastprofessur in Lund in Schweden 1949 lehrte Kisch ab 1952 jedes Sommersemester an der Universität Basel. Hier hat er sich in die Welt der Humanisten und deren Bedeutung für die Rechtswissenschaft eingearbeitet.
1955 war Kisch maßgeblich an der Gründung und dem Aufbau des Leo-Baeck-Instituts beteiligt, das sich der wissenschaftlichen Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland und anderen deutschsprachigen Gebieten seit der Zeit der Aufklärung widmete.
Zum geistigen Ausgleich beschäftigte sich der Rechtswissenschaftler mit der Numismatik, vor allem mit dem Thema „Recht und Gerechtigkeit in der Medaillenkunst“ und fand auch hierin Anerkennung.
Mit seinem 70. Lebensjahr erhielt Guido Kisch die Ehrendoktorwürde der Basler Universität und konnte somit seine Lehrtätigkeit dort weiterführen. 1962 ließ er sich mit seiner Ehefrau in Basel nieder. Hier starb Guido Kisch am 7. Juli 1985.

Für sein rechtshistorisches Werk wurde Guido Kisch von zahlreichen Seiten geehrt. Er war Mitglied der Historischen Kommission für die Provinz Sachsen und für Anhalt, der Deutschen Gesellschaft für Wissenschaft und Kunst in Prag und der Historischen Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung.
Der hallesche Rechtshistoriker Prof. Dr. Heiner Lück würdigt seinen Amtsvorgänger wie folgt:
„Kisch gehört zu den bedeutendsten Rechtshistorikern und Erforschern der jüdischen Rechts- und Kulturgeschichte seiner Zeit, auch im internationalen Kontext. Seine Arbeiten sind heute noch unverzichtbar.“

Quellen:
Guido Kisch: Der Lebensweg eines Rechtshistorikers: Erinnerungen. Sigmaringen: 1975
Heiner Lück: Der Rechtshistoriker Guido Kisch (1889-1985) und sein Beitrag zur Sachsenspiegelforschung. In: Walter Pauly (Hrsg.): Hallesche Rechtsgelehrte jüdischer Herkunft. Berlin, 1996
Heiner Lück: Guido Kisch. In: Friedemann Stengel (Hrsg.) Ausgeschlossen. Zum Gedenken an die 1933 – 1945 entlassenen Hochschullehrer der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Halle, 2013
Stadtarchiv Halle FA 10801 Kisch Guido Prof. Dr.
de.wikipedia.org/wiki/Guido_Kisch

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