Bildung im Vorübergehen:

Christian-Wolff-Straße

Zusatzschild-Text:
Philosoph, Mathematiker der Universität Halle, Wohnhaus heutiges Stadtmuseum
Spender
gespendet von Prof. Otfried Lange und dem Verein der Freunde und Förderer des Stadtmuseums Halle e.V.
Status:
realisiert

Christian Wolff

Christian Wolff, die Schlüsselfigur der deutschen Hochaufklärung, wurde als zweites von sechs Kindern des Lohgerbers Christoph Wolff und seiner Ehefrau Anna, geb. Giller, am 24. Januar 1679 in Breslau geboren. Das Neben- und Gegeneinander von Katholizismus und Luthertum auf engstem Raum, das damals für das religiöse Klima seiner Heimatstadt charakteristisch war, beeinflusste Wolffs Entwicklung auf das Stärkste. Sein Wunsch, angesichts dieser Gegensätze "die Wahrheit in der Theologie so deutlich zu zeigen, dass sie keinen Widerspruch leide", war – seiner eigenen Lebensbeschreibung zufolge – das Motiv, das ihn veranlasst hatte, die Mathematik wegen ihrer methodischen Strenge zu studieren. Sein Lebensprogramm war, die Philosophie mit Hilfe der mathematischen Methode auf das Niveau gründlicher Wissenschaft zu bringen.

Auf dem evangelischen Magdalenen-Gymnasium, einer traditionsreichen Schule von Rang, die er seit seinem achten Lebensjahr besuchte, machte Wolff Bekanntschaft mit der traditionellen scholastischen Philosophie des Deutscharistotelismus und des Thomismus, aber auch mit den modernen Philosophien von Descartes und Ehrenfried Walter von Tschirnhaus. Hier erwarb er auch einen großen Teil seines theologischen Wissens. Die ersten Kenntnisse der Mathematik dagegen musste er sich weitgehend im Selbststudium verschaffen. Im Herbst 1699 begann er mit dem Studium an der Universität Jena. Zu seinen Studienfächern zählten Mathematik, Physik, Astronomie, Philosophie, Theologie und Jurisprudenz. Bereits Anfang 1702 legte er in Leipzig das Magisterexamen ab, setzte sein Studium aber noch bis Ende 1702 in Jena fort. Anfang 1703 habilitierte er sich in Leipzig als 23jähriger mit dem programmatischen Entwurf einer Philosophia practica universalis, Mathematica methodo conscripta, in dem sich die beiden Grundmotive seines Denkens miteinander verbinden: das inhaltliche Interesse an der praktischen Philosophie und das formale an der mathematischen Methode. Mit dieser Arbeit fand er auch das Interesse von Leibniz, und bis zu dessen Tod 1716 verband ihn eine tiefe Beziehung mit diesem großen Gelehrten. Seinen äußeren Ausdruck fand das in der Prägung des Begriffs der "Leibniz-Wolffischen" Philosophie.

Seit Anfang des Jahres 1703 hielt Wolff in Leipzig als Privatdozent (Magister legens) Vorlesungen über Mathematik, Physik, Philosophie und Theologie. Gleichzeitig war er auch als Prediger tätig. Im Juli 1705 veröffentlichte Wolff seine erste Rezension in dem berühmten Gelehrtenjournal der "Actaeruditorum", zu dem er nach den Angaben Ludovicis zwischen 1705 und 1717 nicht weniger als 247 Rezensionen aus den verschiedensten Wissensgebieten beigesteuerte. 1706 erhielt Wolff fast gleichzeitig Rufe auf Lehrstühle der Mathematik an den Universitäten Gießen und Halle.

Er entschied sich für das damals von Thomasius beherrschte Halle, die Hochburg des Pietismus in Preußen, und nahm dort Anfang des Jahres 1707 seine Lehrveranstaltungen auf. Wolff las zunächst nur über Mathematik, seit 1709 daneben über Physik und bald auch, allem Anschein nach von Anfang an gegen erheblichen Widerstand, über Philosophie, genauer über Logik, Metaphysik und Moral. Während er seine Veranstaltungen in Leipzig noch auf lateinisch gehalten hatte, bediente er sich in dem auf Modernität bedachten Halle, dem dortigen Brauch folgend, der deutschen Sprache. Dementsprechend waren auch seine wichtigsten philosophischen Schriften auf Deutsch abgefasst. Die in eben diesem Zusammenhang von ihm entwickelte deutsche Begriffssprache zählt zu den bahnbrechenden Leistungen im Felde der Philosophie.

Mit Christian Wolff beginnt gewissermaßen die deutsche Philosophie. Seine Schriften führen in ihren Titeln alle eine gleich lautende Wendung, die ihre Zugehörigkeit zur Aufklärung signalisiert. Sie erscheinen als "Vernünftige Gedanken": Vernünfftige Gedancken von den Kräfften des menschlichen Verstandes (Halle 1712, die sogenannte deutsche Logik), Vernünfftige Gedancken von Gott, der Welt und der Seele des Menschen, Auch allen Dingen überhaupt (1719, deutsche Metaphysik), Vernünfftige Gedancken von der Menschen Thun und Lassen, zu Beförderung ihrer Glückseeligkeit (1720, deutsche Ethik), Vernünfftige Gedancken von dem gesellschafftlichen Leben der Menschen (1721, deutsche Politik), Vernünfftige Gedancken von den Würckungen der Natur (1723, deutsche Physik) sowie Vernünfftige Gedancken von den Absichten der natürlichen Dinge (1723, deutsche Teleologie).

Wolffs Ruhm drang über die Grenzen Preußens, ja Deutschlands hinaus. Er wurde Mitglied der Londoner und der Berliner Akademie der Wissenschaften. Auch Zar Peter der Große bemühte sich bereits in Halle um ihn. In diese Jahre fiel auch Wolffs Heirat (am 30. September 1716) mit Katharina Maria, einer Tochter des Halleschen Stiftsamtmanns Brandis, mit der er drei Söhne hatte. Mit seinem Ansehen wuchsen in Halle aber auch die Spannungen zwischen Wolff und seinen pietistischen Kollegen. Das Jahr 1721 führte zu einer dramatischen Verschärfung der Situation. Am 12. Juli 1720 hatte Wolff das Prorektorat der Universität übernommen. Als er es ein Jahr später an den Theologen Joachim Lange weitergab, war eine Festrede, die die Autonomie der praktischen Vernunft gegenüber dem geoffenbarten Glauben zum Gegenstand hatte, Auslöser heftiger Auseinandersetzungen zwischen Wolff und August Hermann Francke, damals Dekan der Theologischen Fakultät. Dramatischer Höhepunkt des Konflikts war schließlich eine eigenhändige Kabinettsorder Friedrich Wilhelms I. vom 8. November 1723 mit der Aufforderung, Wolff habe Preußen "bey Strafe des Stranges [...] binnen 48 Stunden" zu verlassen.

Bereits im Juni 1723 hatte Wolff vom Landgrafen Carl von Hessen-Kassel ein lukratives Angebot auf eine Professur für Mathematik und Physik an der (calvinistischen) Universität Marburg erhalten, die er unter den gegebenen Umständen sofort annahm. Ende 1723 bot ihm Peter der Große die Stelle eines Vizepräsidenten der neu zu gründenden Petersburger Akademie der Wissenschaften an. Dies lehnte Wolff zwar ab, Katharina I. ernannte ihn jedoch 1725 zum (hoch besoldeten) Honorarprofessor der Petersburger Akademie. 1733 wählte ihn auch die Königliche Akademie der Wissenschaften zu Paris zu ihrem Mitglied. Fast zur gleichen Zeit ernannte ihn Landgraf Friedrich von Hessen-Kassel (und König von Schweden) zum Regierungsrat. Rufe nach Göttingen (1733) und Utrecht (1740) unterstrichen das Ansehen Wolffs.

Im Lauf der Jahre hatte sich die Situation in Preußen gründlich verändert. Ende 1733, also zehn Jahre nach Wolffs Vertreibung, setzten intensive Bemühungen von Seiten des Hofs ein, Wolff für Halle zurück zu gewinnen. Aber erst der Regierungswechsel in Preußen brachte 1740 den Durchbruch: als eine der ersten Maßnahmen seiner Regierung ließ Friedrich der Große Wolff ostentativ nach Halle zurückberufen. Am 6. Dezember 1740 traf Wolff in Halle ein und wurde hier enthusiastisch begrüßt. Europa huldigte Wolff in kaum vorstellbarer Weise. 1741 machte ihn Friedrich der Große zum Kurator aller Preußischen Universitäten, 1743 ernannte er ihn zum Kanzler der Universität Halle. Am 10. September 1745 wurde er auf Veranlassung des Jesuiten Stadler in den Reichsfreiherrnstand erhoben, so dass er von nun an den Titel eines Barons trug. 1752 schließlich wurde er Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Bologna.

Das letzte große lateinische Werk, das Wolff noch zum Abschluss bringen konnte, war seine fünfbändige Philosophia moralis sive Ethica (Halle 1750-53), in deren Mittelpunkt die Idee der Selbstvervollkommnung steht. Seine Oeconomia (Halle 1754) dagegen konnte er nicht mehr vollenden. Das Bewusstsein der Unabgeschlossenheit seines Werks überschattete seine letzten Lebensjahre. Am 9. April 1754 starb Christian Wolff in Halle. Der Verbleib seines Grabes ist bis heute nicht gänzlich geklärt.

Quellen:

  • Christian Wolffs eigene Lebensbeschreibung, hrsg. v. Heinrich Wuttke, Leipzig 1841, in: Deutsche Autobiographien 1690-1930, Berlin 2006
  • Geschichte der Philosophie – Darstellungen, Handbücher, Lexika, Berlin 1998
  • Killy, Walther: Literaturlexikon, Berlin 1998

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