Bildung im Vorübergehen:

Calvinstraße

Zusatzschild-Text:
Reformator in Genf
Spender
gespendet von Luthergemeinde
Status:
realisiert

Johannes Calvin (1509-1564)

Der später das Schweizer Reformationswerk fortführende Jean Calvin (lateinisiert Johannes Calvinus) erblickte am 10. Juli 1509 als zweiter von vier Söhnen der Eheleute Gérard Calvin und Jeanne geb. LeFranc in nordfranzösischen Noyon das Licht der Welt. Seine flämische Mutter, die den jungen Calvin zum römisch-katholischen Glauben erzog, verstarb jedoch als er fünf Jahre alt war.

Der strenge Vater, zuletzt Vermögensverwalter des Bistums Noyon, sah für Jean schon frühzeitig das Studium der Theologie vor und sorgte dafür, dass sein Sohn an der Lateinschule in Noyon, das Collége des Capettes, unterrichtet wurde.

Bereist im Alter von zwölf Jahren (1521) verfügte der junge Calvin über Pfründe (Einkommen aus einem kirchlichen Amt) aus dem Domkapitel von Noyon, so dass er sein anstehendes Studium in Paris ab 1523 auch finanzieren konnte und 1528 den Titel Magister artium erwarb. Im Sommer desselben Jahres ließ er, nachdem über seinem der kleine Kirchenbann verhangen wurde, von der Theologie ab und wandte sich dem Studium der Rechtswissenschaften in Orléans zu. Bereits in diesem Lebensabschnitt begann er sich mit humanistischen Schriften auseinanderzusetzen. Sein weiterer Werdergang führte ihn anschließend nach Bourges, wo er letztlich sein Studium als Lizentiat der Rechte abschloss. Eine Ehrendoktorwürde seiner Fakultät lehnte er ab und ging zurück nach Paris um sein Studium fortzusetzen. In der französischen Hauptstadt bezog er Quartier im Hause des reichen Tuchhändlers Étienne de la Forge, der Luthers Schriften verbreitet und einen geheimen Zirkel evangelischer Christen aufstellte, an deren regelmäßigen Treffen sich nun auch der junge Calvin gesellte. Im April 1532, publizierte Calvin, trotz finanzieller Notlage, seinen Kommentar zu Senecas De clementia („Über die Milde“), der ihm große Anerkennung seitens des Humanisten Erasmus von Rotterdam (1465-1536) einbrachte.

Im Jahre 1533 floh Calvin wegen seiner Beteiligung an der skandalösen Rede seines Freundes Nicolas Cop (1501-1540), von Paris  nach Angoulême, wo er sich unter dem Decknamen Charles d´Espeville versteckt hielt.

Durch die Bekanntschaft mit dem Humanisten und Lutherkenner Jaques Lefèvre d´Étaples (1450-136) und als Resultat seiner bisherigen Erlebnisse entschied sich Jean Calvin nun allen Anschein nach bewusst für die Reformation. In dieser Zeit konsolidierte er auch seine Vorarbeiten für sein späteres Werk Institutio Christinanae religionis („Unterweisung in der christlichen Religion“). Als ein weiteres, wahrscheinlich unmissverständliches Zeichen seines Bruches mit der römisch-katholischen Kirche lässt sich auch die offizielle Rückgabe seiner Pfründe 1534  interpretieren, die er als Befreiung verstand. Die zunehmende Verfolgung der evangelischen Christen zwang Calvin, Frankreich zu verlassen. Auf seiner Flucht bezog er unter dem Decknamen Martianius Lucianus 1535 eine Wohnung im evangelischen Basel. Hier sollte Calvin weitere Mitstreiter der Reformation, wie z.B. Heinrich Bullinger (1504-1575),  kennenlernen.

Nach der Einstellung der Verfolgungen und der Veröffentlichung seiner Institutio Christinanae religionis 1536 wurde Calvin auf einer Reise nach Straßburg vom Mitstreiter Guillaume Farel (1489-1565) überredet in Genf zu bleiben. Calvins  Bemühungen zur Reorganisation der Genfer Gemeinde durch eine strenge Kirchenzucht führten zum Konflikt mit dem Genfer Rat, der Farel und Calvin 1538 auswies. Erst drei Jahre später sollte er zurückkehren und die Genfer Gemeinde zum Avantgarde einer “nach Gottes Wort” reformierten Kirche mit einem strengen Kirchenregiment umgestalten. Darauf zurückführend beinhaltete der „Genfer Katechismus“ verschiedene Strafen für unsittliches Verhalten der Gemeindemitglieder. Somit entstand die reformierte Gemeinschaft eines radikalen Christentums, welche sich auch nicht scheute, ihren Glauben mit Waffengewalt zu verteidigen. Die Calvinistischen Tugenden waren dabei in der protestantischer Askese, Fleiß und Arbeitseifer, der Unabhängigkeit vom Staat, einer nicht-hierarchischen Kirchenordnung (allgemeines Priestertum) und dem Abendmahl als Gedächtnisfeier, ohne Glauben an die Realpräsenz Jesu Christi, verankert. Mit dem Einzug der Priesterehe komplettierte Calvin seine Genfer Reformation und heiratete im Jahr 1540 Idelette de Buren, die ihrem Gatten drei Kinder schenkte, welche jedoch schon kurz nach der Geburt verstarben.

Nach erbitterten Folgestreitigkeiten mit dem Genfer Rat und den alteingesessen Genfer Patrizierfamilien in Abwechslung mit weiteren theologischen Auseinandersetzungen gründete Calvin 1559 die Genfer Akademie, die zur Hochschule des Calvinismus wurde.

Zweifellos war Calvin in seinen Anfängen geprägt durch die Lehre Martin Luthers (1485-1546). Im Gegensatz zum deutschen Reformator konzentrierte sich Calvins theologische Ausrichtung allerdings nicht auf das persönliche Seelenheil der Menschen oder der Erneuerung der Gesellschaft, sondern auf die Verherrlichung Gottes. Nach seiner Auffassung ist Gott furchteinflössend, allmächtig und gewaltig, was sich gravierend von Luthers Barmherzigkeit Gottes unterschied. Deshalb revidierte er Luthers Gnadenlehre mit seiner Interpretation der Prädestinationslehre (Vorherbestimmungslehre), nach der das Seelenheil einzig vom Willen Gottes abhängig ist, denn dieser habe schon vor Erschaffung der Welt die Menschen in Auserwählte und Nichtauserwählte unterteilt. Trotzdem verlangt der Calvinismus die tägliche Anstrengung zur Besserung, da die wahren Absichten Gottes für die Menschen verborgen bleiben.

Am 27. Mai 1564 starb der seit Jahren von Krankheiten malträtierte und bis zuletzt mit eiserner Disziplin die vielfachen Aufgaben wahrnehmende Reformator in Genf. Nicht zuletzt waren es die Schüler der Genfer Akademie, die Calvins Lehren in alle Länder Europas trugen. Durch das Widerstandsrecht gegen die staatliche Obrigkeit, die rigide Zucht und moralische Sittenlehre wuchs der Calvinismus in Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien zur meistverbreiteten protestantischen Bewegung an und erreichte letztlich auch die USA.

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts immigrierten vor allem Hugenotten aus Frankreich nach Mitteldeutschland. Nach dem Erlass des Potsdamer Edikts am 08. November 1685 gewährte ihnen Kurfürst Friedrich Wilhelm I. von Brandenburg (1620-1688) günstige Lebensbedingungen und Privilegien, die seinem herrschaftlichen Peuplierungsversuchen dienen sollten. Ein Jahr später (1686) ließen sich auch die ersten Vertreter der reformierten Kirche als französische Gemeinschaft in Halle nieder.

Thomas Hübner

Quellen:

  • McGrath, Alister E.: Johann Calvin. Eine Biographie, Zürich 1991.
  • Neuser, Wilhelm H.: Johann Calvin. Leben und Werk in seiner Frühzeit 1509-1541, Göttingen 2009.
  • Reinhardt, Volker: Die Tyrannei der Tugend. Calvin und die Reformation in Genf, München 2009.

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