Ulrich Zwingli (1484-1531)

Ulrich Zwingli war im 16. Jahrhundert der Vorkämpfer der Zürcher Reformation, aus der zusammen mit der Genfer Reformation die Reformierte Kirche hervorging. Nach seinem Tod 1531 wurde sein theologisches Werk durch die beiden Schweizer Reformatoren Jean Calvin (1509-1564) und Heinrich Bullinger (1504-1575) fortgeführt.

Geboren wurde Ulrich Zwingli als drittes von elf Kindern der Eheleute Johann Ulrich Zwingli und Maria Bruggmann am 01. Januar 1484 in Wildhaus, einem Ort der Grafschaft Toggenburg. Schon im Alter von sechs Jahren kam er in die Obhut seines Onkels, dem Dekan Bartholomäus Zwingli, in Weesen. Durch diesen recht frühen Bildungseinfluss konnte er bereits 1494 an die Lateinschule in Basel (1494-1496) und später in Bern (1496-1498) besuchen. Auf Geheiß des Vaters begann er 1498 als Fünfzehnjähriger ein Studium an der Universität Wien. Später wechselte er zur Universität Basel und schloss 1506 mit dem Titel Magister artium ab. Trotz eines fehlenden Theologiestudiums stieg Zwingli schon bald nach dem Magisterexamen in kirchliche Ämter auf, so dass er im September 1506 zum Priester geweiht wurde und eine Stelle als leitender Pfarrer in Glarus bekam. Obendrein war Zwingli auch Feldprediger und nahm während der Italienischen Kriege (1494-1559) im Zeitraum von 1512 bis 1515 an den Feldzügen der Glarner Gemeinde teil.    

Während seiner Zeit in Glarus befasste sich Zwingli, getrieben durch den regen Gedankenaustausch mit den Gelehrten seiner Zeit, mit humanistischen Schriften, die seine Sinne für eine andere Auslegung der biblischen Texte schärften. 1516 musste Zwingli aus politischen Gründen seine Pfarrstelle niederlegen. Er wurde daraufhin für drei Jahre beurlaubt und als Leutpriester und Prediger nach Einsiedeln berufen, wo er am 14. April 1516 antrat. Dort wurde Zwingli mit derartigen Missbräuchen der Volksfrömmigkeit konfrontiert, dass er kurz darauf gegen Wallfahrten und Ablasshandel zu predigen begann und eine „Besserung“ der Menschen forderte.   

Als Zwingli am 01. Januar 1519 ein Leutpriesteramt am Großmünsterstift in Zürich antrat, war aus dem bis dahin kirchentreuen Priester ein scharfer Kritiker der kirchlichen Missstände seiner Zeit geworden. Hier vollzog sich auch der endgültige Wandel seiner bisher vom Humanismus geprägten Haltung zum streng reformatorischen Verständnis der Heiligen Schrift. Die päpstliche Pension, die ihm als ehemaliger Feldprediger zustand, lehnte er ab. Bereits zu diesem Zeitpunkt bereitet Zwingli die Züricher Reformation in seinen Predigten vor. Hierzu verfasste Zwingli 1523 mit seinen berühmten 67 Schlussreden (Thesen) ein progressives Reformationsprogramm, woraufhin noch bis ins Jahr 1524 drei Streitgespräche (Zürcher Disputationen) folgten, die Zwingli entscheidende Vorteile bei der Durchsetzung der Reformation einbrachten.

Die Reformation in Zürich betraf jedoch nicht nur theologische Sachverhalte. Obwohl Zwingli kein politisches Amt besaß, übte er einen großen Einfluss auf dem Zürcher Rat aus, der unter seiner Beratung das Schul-, Kirchen- und Ehewesen neu ordnete und  Sittengesetze erließ.

Bald darauf veröffentlichte Zwingli sein Glaubensbekenntnis „Von der wahren und falschen Religion“, welches viele Gemeinsamkeiten mit den Ansichten Martin Luthers (1485-1546) und anderer deutscher Reformatoren aufwies. Die größte Diskrepanz bestand jedoch in Zwinglis radikale Verwerfung der Realpräsenz Christi im Abendmahlsritual der christlichen Liturgie. 1525 wurde die Reformation in Zürich äußerlich mit der Abschaffung der Bilderverehrung (Bildersturm), der Messe (12. April) und der Ehegerichtsordnung (10. Mai) abgeschlossen. Das Abendmahl wurde in beiderlei Gestalt gefeiert und eine geregelte Armenfürsorge durch die Säkularisierung kirchlicher Einrichtungen sichergestellt. Mit der Einführung der Priesterehe fand der Reformator sein privates Glück an der Seite von Anna Meyer (1484-1538), die er am 19. April 1524 heiratete.

Einen Tiefpunkt seines radikalen Vorgehens stellt jedoch die Verfolgung der Täufer, einer christlich-reformatorischen Parallelbewegung, dar, deren Anhänger vertrieben oder nach Gefangennahme und Folterung hingerichtet wurden.

In der Zeit von 1524 bis 1529 arbeitete Zwingli zusammen mit Leo Jud (1482-1542) an einer Neuübersetzung der Bibel. Da die „Zürcher Bibel“ als komplette Neuübersetzung bereits fünf Jahre vor Luthers Fassung erschien, gilt sie somit als älteste protestantische Translation der Heiligen Schrift.

Die Ausbreitung der Zürcher Reformation auf andere Orte der Schweiz, wie beispielsweise Bern (1528), und weitere Lehrstreitigkeiten führten zu tief greifenden Spannungen gegenüber den katholischen gebliebene Kantonen der Schweiz.

Im Oktober 1529 organisierte der Landgraf von Hessen, Philipp I. der Großmütige (1504-1567) ein Spitzentreffen zwischen Luther und Zwingli, welches in den sog. „Abendsmahlstreit von Marburg“ gipfelte und die ehrgeizigen Pläne des Schweizer Reformators hinsichtlich eines gemeinsamen protestantischen Bündnisses gegen Kaiser und Papst durch theologische Differenzen zum Erliegen brachte. Trotz vieler Gemeinsamkeiten ging Zwinglis Reformation von anderen Voraussetzungen aus als Luthers, was zu deutlichen Unterschieden führte: im Gegensatz zu Luther, der hauptsächlich gegen Ablasshandel und andere Missstände in der Kirche vorging, akzeptierte Zwingli in der Kirche nur jene Sachverhalte, die auch ausdrücklich in der Bibel wieder zu finden waren. Sein radikaler Ansatz revidierte damit Luthers passive Haltung und rief zum aktiven Widerstand auf.   

Mit dem zweiten Kappelerkrieg kam es im Jahre 1531 zu einem Religionskrieg in der Schweiz zwischen Zürich und den katholischen Urkantonen Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug. Zwingli, der den Zürcher Rat mit Absicht auf eine weitere Ausbreitung der Reformation regelrecht zur Auseinandersetzung drängte, fand in der Schlacht bei Kappel am 11. Oktober 1531 selbst den Tod. Sein Leichnam wurde gevierteilt und anschließend verbrannt. Seine Einflüsse und die seiner Anhänger sind in der deutschsprachigen Schweiz und in der holländischen Theologie ebenso greifbar wie beim Aufbau des anglikanischen Staatskirchentums, wodurch Zwinglis Wirksamkeit bis in die internationale Politik seiner und der darauf folgenden Zeit reichte.

Thomas Hübner


Literatur

Gäbler, Ulrich: Huldrych Zwingli. Eine Einführung in sein Leben und sein Werk, München 1983.

Hamm, Berndt: Zwinglis Reformation der Freiheit, Neikirchen-Vluyn 1988.

Haas, Martin: Huldrych Zwingli und seine Zeit. Leben und Werk des Zürcher Reformators, Zürich 1982.