Wilhelm Heinrich Wackenroder (1773 – 1798)


13. Juli 1773       geboren in Berlin
1786                  Musikunterricht bei dem Leiter der Berliner Singakademie Karl-Friedrich Fasch
Mai 1793-1794   Studium der Rechte in Erlangen und Göttingen
1795                  Justizbeamter in Berlin
1789-1793         Vorlesungen über Kunstgeschichte und Altertumskunde, Geschichte der deutschen Literatur
1792-1797         viele Reisen mit seinem Freund Ludwig Tieck auf kunst- und bauhistorischen Spuren durch Deutschland
September 1793 und im Sommer 1796    Reisen zur Familie Johann Friedrich Reichardts nach Giebichenstein (befreundet mit dem Stiefsohn Reichardts, G. W. Hensler)
13. Februar 1798 stirbt an Typhus in Berlin

Werke:
Aufsatz: „Schilderung der dramatischen Arbeiten des Meistersängers Hans Sachs“ (1794)
Aufsatz: „Über die Minnesänger“ (1794)
Übersetzung von Richard Warners Ritter- und Schauerroman „Das Kloster Netley“ (1796)
gemeinsame Arbeiten mit Ludwig Tieck:
Arbeiten für das von Erduin Julius Koch herausgegebene „Compendium der deutschen Literatur“ (1793)
„Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“, Aufsätze über Kunst, Malerei und Musik. (posthum veröffentlicht von Ludwig Tieck 1798, vordatiert 1797)
„Franz Sternbalds Wanderungen“ (1798, Roman, gemeinsam geplant und vorbereitet, von Ludwig Tieck vollendet)
„Phantasien über die Kunst für Freunde der Kunst“ (gedruckt posthum 1799)

Im vergangenen Jahr haben wir die Ludwig-Tieck-Straße unterschildert. Da fiel auch schon der Name seines Freundes Wilhelm Heinrich Wackenroder, Schriftsteller und Philosoph wie er. Sie stammten aus ganz verschiedenem Milieu in Berlin: Tieck war Handwerkersohn, Wackenroder gehörte der gehobenen Schicht an. Zusammen kamen sie im Friedrichwerderschen Gymnasium, das bei besonderer Begabung die Türen öffnete. So entstand zwischen Wackenroder und Tieck eine künstlerisch-intellektuelle Freundschaft auf demselben Niveau – wenn auch aus ganz verschiedener Herkunft.

Die „Herzensergiessungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ aus dem Jahr 1797 sind das einzige, jedoch bahnbrechende Werk des jungen Wilhelm Wackenroder aus Berlin, Sohn eines Bürgermeisters, – anonym erschienen und von Tieck lanciert. Es geht zurück auf gemeinsame Reisen ins Fränkische, also nach Nürnberg, Pommersfelden usw. Hier entdeckten die beiden, immer stärker euphorisch, ein altes – für sie neu gefundenes – Kunstideal: Es vereint Geschichte, Gläubigkeit sowie die Wiederbelebung der Renaissance und des ausgehenden Mittelalters in Gestalt der bildenden Kunst: Also vorrangig (und eben auch fürs fränkische Nürnberg) ALBRECHT DÜRER, auch der Bildhauer ADAM KRAFT – neben vielen anderen. Jedoch folgerichtig erweitert sich die Perspektive auf Italien: z.B. RAFFAEL (di Santo) und LEONARDO DA VINCI.
Von besonderem Interesse ist die Partnerschaft des kunsttheoretischen (natürlich auch kunsthistorischen) Blicks zusammen mit dem gefühlsbetonten Kunsterleben – Kunstenthusiasmus in allen Dimensionen.
Die fiktive Figur des „kunstliebenden Klosterbruders“ ist im Buch ein ganz alter Einsiedlermönch, der seine Erfahrungen und Erlebnisse zu Papier bringt, am nahenden Lebensende.
Als tragisch in unserem Zusammenhang muss man empfinden, dass das Werk aus der Feder eines ganz jungen enthusiastischen Schriftstellers stammt – der nicht ahnen konnte, dass er ein Jahr später, also 1798, fünfundzwanzigjährig sterben wird, an einer Typhuserkrankung. Sein Freund Ludwig Tieck, zunächst quasi innerlich amputiert von seinem Bruder im Geist, nahm jedoch die Fülle der Wackenroderschen Ideen auf und verarbeitete sie souverän in seinem eigenen Werk.
So ist Wackenroder bis heute wirkmächtig geblieben. Es ist nicht in erster Linie der Erzählstil, der Duktus, das Fiktionale, sondern die Neu- bzw. Wiederentdeckung der italienischen und deutschen Renaissance.

Das besondere und eigentliche Verdienst Wilhelm Wackenroders besteht aber in der besonderen Herausstellung der Bedeutung der MUSIK – dies inmitten aller Geschichten und Episoden über bildende Kunst:
Im zweiten Teil der „Herzensergiessungen“ gibt es nämlich ein Kapitel mit folgender Überschrift:
„Das merkwürdige musikalische Leben des Tonkünstlers Joseph Berglinger.“ („In zwey Hauptstücken“).
Dieser die Musikausübung und Musikwirkung behandelnde Teil hat ein enormes Echo erfahren – obwohl er nur ein kleines Finale der Abhandlungen über die bildende Kunst darstellt.
Kenner der Materie behaupten sogar, dass gerade mit Wackenroder die Welt der Musik in die Dichtung Einzug hielt – zukunftsweisend bis Robert Schumann – vielleicht sogar Richard Wagner? – .

Sehen wir genauer in die „Herzensergiessungen“ hinein, haben sich die Wertschätzungen der Musik schon im kunsttheoretischen Teil leise vorbereitet:
Zitat Wackenroder:
„In den Schriften des von uns unserem ALBRECHT (Dürer) sehr hochgeschätzten und vertheidigten  M a r t i n   L u t h e r s, (...) habe ich eine merkwürdige Stelle gefunden, die mir jetzt lebhaft ins Gemüth kommt. Denn es behauptet dieser Mann (also Martin Luther), irgendwo ganz dreist und ausdrücklich: daß zunächst (=nach) der Theologie, unter allen Wissenschaften und Künsten des menschlichen Geistes, die Musik den ersten Platz einnehme.“ (Luther ca. 1530)

Das ist unser kleiner Beitrag zum großen Lutherjubiläumsjahr.
Eine existentiell menschenfreundliche Geste aus der Welt der Kunst.