Georg Ernst Stahl (1659–1734)


Am 22. Oktober 1659 wurde Georg Ernst Stahl als viertes von neun Kindern des Hofratssekretärs Johann Lorenz Stahl in Ansbach getauft. Seine Mutter Maria Sophia geb. Meelführer war die Tochter eines Diakons. Mit zwanzig Jahren immatrikulierte sich Stahl an der Medizinischen Fakultät der Universität Jena, wo er auch Vorlesungen chemischen Inhalts besuchte. Friedrich Hoffmann war ein Studienkollege von ihm. Nach Abschluss des Medizinstudium 1684 hielt er dort als außerordentlicher Professor Privatvorlesungen. 1687 wurde Stahl Leibarzt des Herzogs Johann Ernst von Sachsen-Weimar.

1694 wurde Stahl auf Empfehlung seines Freundes Hoffmann als zweiter ordentlicher Professor der Medizin an die Universität Halle berufen. Stahl unterrichtete hier in den Fächern Enzyklopädie und Methodik der Medizin, Botanik, Chemie, Anatomie, Physiologie, Pathologie, Diätetik, und Pharmazeutik. Im Unterschied zu Hoffmann verstand Stahl den menschlichen Körper nicht als ein rein mechanisches System, sondern meint, dass dieser durch die Seele gesteuert wird. Mit seinem Respekt vor den Selbstheilungskräften des Körpers und Überlegungen zur gesunderhaltenden Wirkung einer ausgewogenen Ernährung vertrat er Ansichten, die heute wieder sehr aktuell sind.

Gleichzeitig tat er sich als Chemiker hervor. 1697 publizierte Stahl die erste chemische Monatsschrift, die bis zum Sommer des Folgejahres erschien. Im selben Jahr veröffentlichte er sein Werk: „Zymotechnia fundementalis“ – „Grunderkenntnis der Gärungskunst“, wo er erstmals seine Phlogistonlehre darlegte, die in den darauffolgenden fünfzig Jahren zur vorherrschenden chemischen Theorie werden sollte. Unter dem Phlogiston verstand er ein hypothetisches Element, mit dessen Hilfe Verbrennungs-, Oxidations- und Gärungsvorgänge erklärt werden konnten – die wichtigsten Fragen der damaligen Chemie. Wenn sich das Phlogiston auch später als Irrtum herausstellte, gaben die Theorie Stahls und seine Experimente dazu doch wesentliche Impulse für die Entwicklung der Chemie.

Als Professor für theoretische Medizin war Stahl verantwortlich für die Einrichtung und den Erhalt des Pflanzenmedizinalgartens, der 1698 als einer der frühesten akademischen botanischen Gärten im deutschsprachigen Raum gegründet wurde. Im Juni 1700 wurde Stahl in Nürnberg unter der Matrikelnummer 242 und mit dem Beinamen „Olympiodorus“ Mitglied der Leopoldina. 1701 und 1710-11 amtierte er als Prorektor der halleschen Universität (im heutigen Sinne Rektor). Stahl war in Halle eng mit den Pietisten um August Hermann Francke verbunden. Über die 1708 im Schulgelände angelegte Krankenstation übertrug Francke Stahl die mit Weisungsberechtigung verbundene Oberaufsicht.

1715 wurde Georg Ernst Stahl als Leibarzt und Erster Hofrat an den Hof des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. berufen. Gleichzeitig wurde er Präsident des Collegium medicum, der obersten Gesundheitsbehörde Preußens. Damit war er der erste Mediziner im Königreich Brandenburg-Preußen und verantwortlich für die Regelung des Medizinalwesens im ganzen Land.

1718 erschien sein Werk „Zufällige Gedanken … über den Streit von dem sog. Sulphure“, dass er zur allgemeinen Verständlichkeit in deutscher Sprache verfasste.
Noch vor seinem Tod am 14. Mai 1734 wurden Stahls verstreute Darlegungen über den Salpeter von einem seiner Schüler in deutscher Sprache herausgegeben.

Erst fünfzehn Jahre nach seiner Übersiedlung nach Halle erhielt er das hallesche Bürgerrecht und kaufte das Haus Marienviertel 24 (Große Ulrichstraße 20). Ab 1711 wohnte er im Haus Marienviertel 185 (heute Kleine Steinstraße 6). Beide Häuser existieren heute nicht mehr.
Georg Ernst Stahl war dreimal verheiratet, seine ersten beiden Frauen starben im Kindbett. Sein Sohn Georg Ernst aus der dritten Ehe wurde ebenfalls Arzt und preußischer Hofrat.

Quelle:
Strube, Irene: Georg Ernst Stahl. Leipzig 1984 (Biographien hervorragender Naturwissenschaftler, Techniker und Mediziner, Bd. 76)
Kaiser, Wolfram & Arina Völker (Hrsg.): Georg Ernst Stahl (1659-1734). Hallesches Symposium 1984. Halle, 1985.