Felicitas von Selmnitz (1488 – 1558)

Felicitas Münch wurde 1488 als Tochter des Adeligen oder auch Ritters Hans von Münch, einem am kursächsischen Hof angesehenen, und wohl auch vermögenden Mannes geboren. Münch nahm in der Landgrafschaft Thüringen zahlreiche Vogtei- und Gerichtsämter für seinen Landesherren wahr.

Über die Kindheit und frühen Jahre von Felicitas vor der Heirat mit Wolf I. von Selmnitz (1475-1519) 1507 in Allstedt – der dort seit 1502 kurfürstlich-sächsischer Haupt- und Amtmann des Schlosses war – ist wenig bekannt. Nach gesicherten Quellen nahmen an der Hochzeit neben dem Kurfürst Friedrich III., dem Weisen (1486-1525) auch andere regionale Adlige von höchstem Stand teil. Nach 1509 siedelte die Familie nach Halle über und Wolf von Selmnitz kaufte für 250 Gulden in der Amtsstadt Glaucha einen Hof. Diesen konnte er wohl auch durch das reiche Erbe seiner Frau Felicitas´ erwerben, die er nach dem Tod seiner ersten Frau, Amalia von Bünau, durch die Heiratspolitik des Kurfürsten – der Ehen unter den adligen Familien am Hof förderte – heiratete. Von den in der Ehe geborenen fünf Söhnen und zwei Töchtern überlebte nur der zweitgeborene Sohn Georg das Kindesalter.

Wolf von Selmnitz wurde 1519 Opfer eines privaten Händels, als Moritz von Knebel, Marschall auf der halleschen Moritzburg und Sohn des verfeindeten Thilo von Knebel, ihn nach einem Festmahl zur Hochzeit eines Kammerherren bei Kardinal Albrecht von Brandenburg (1490-1545) hinterrücks erstach. Ursache dieses tödlichen Streits waren Konflikte, die noch aus der Allstedter Zeit von Selmnitz´ herrührten. Moritz von Knebel wurde am folgenden Tag als Mörder in Acht genommen, konnte aber fliehen.

Felicitas von Selmnitz führte den Hof in der Nähe der Georgenkirche weiter, geriet aber durch die Vormundschaftsansprüche der Neffen ihres Mannes in einen Erbstreit, den erst Herzog Georg von Sachsen (1500-1539) schlichten konnte. Da Felicitas auf die Güter, die ihr laut Erbe zustanden, aus Versorgungsgründen, wollte sie ihre Kinder einträglich versorgen, nicht verzichten konnte, trat sie als eine der ersten Frauen vor das herzoglich-sächsische Appelations- und Schiedsgericht und vertrat ihre Anliegen.

Den Zugang zum aufkommenden protestantischen Glauben erhielt sie vermutlich durch ihren Schwager und Justus Jonas sowie besonders durch den Kaplan der Glauchaer Georgenkirche Thomas Müntzer, der sie religiös stark beeinflusste. Mit 35 Jahren lernte sie von ihrem Sohn das Lesen und begann ein intensives selbständiges Bibelstudium, welches sie zum Konfessionswechsel veranlasste. Als eine der ersten Anhängerinnen der Reformation nahm sie 1523 zu Weihnachten das Abendmahl in beiderlei Gestalt durch Thomas Müntzer an.

Im Jahre 1527 begleitete sie ihren Sohn zu dessen Studium nach Wittenberg und gehörte als geistig hoch gebildete und angesehene Frau zur Tischrunde Martin Luthers. Kardinal Albrecht forderte sie in der Folge als offene Verfechterin der Reformation 1528 auf, dieser abzuschwören, anderenfalls müsse sie die Stadt Halle verlassen. Zum politischen Druck kamen auch wirtschaftliche Maßnahmen, die geeignet erschienen, die Hallenser im alten Glauben zu halten. In dieser Situation schrieb sie an Martin Luther, der seiner „lieben Freundin in Christo“ riet, die Stadt zu verlassen, um einer Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Ihrem Gewissen gehorchend, ließ sie sich mit ihrem Sohn in Wittenberg nieder. Dort stand sie mit Luther in enger Verbindung. Der Reformator schenkte ihr eine Erstausgabe seiner Bibelübersetzung von 1534 mit eigenhändiger Widmung. Diese Bibel, die der Marienbibliothek in Halle gehört, war der Luthergestalt in der Marienkirche beigegeben, welche mit der Totenmaske und dem Abbild der Hände des Reformators noch bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts die Besucher erschreckte. Luther verwandte sich in den folgenden Jahren noch mehrmals in den unterschiedlichsten Belangen für Felicitas von Selmnitz.

Felicitas´ Leben war als Witwe an die Lebenswege ihres Sohnes Georg gebunden, der als Student der Wittenberger Universität zwischen den urbanen Mittelpunkten der sächsischen Reformation – Wittenberg, Jena und Torgau – im Gefolge der Reformatoren umherzog und auch vor der wiederholt auftretenden Pest nach Jena, dem Verlagerungsort der Universität, fliehen musste. Dort verbanden sich auch die verstreuten Wege der Geschwister von Felicitas von Selmnitz mit der Revolution des Glaubens: Eine Schwester hatte im Zuge der Reformation ihren Habit als Nonne abgelegt und einen angesehenen Bürger geheiratet. Nach Luthers Tod und dem (wahrscheinlichen) Ende der Anstellung ihres Sohnes am sächsischen Hof zogen beide 1546 nach Magdeburg und ein Jahr später nach Zerbst bevor sie im gleichen Jahr in das inzwischen sich der Reformation öffnende Halle zurückkehrten.

Der Lebensweg des Sohnes war in der Folge, aber auch schon vorher ein Spiegel der Laufbahn eines aus adligem und angesehenem Hause stammenden Protestanten: Vor seinem Studium 1523 Page bei Graf Gebhard VII. von Mansfeld-Mittelort auf Schloss Seeburg wird er nach seinem Studium 1540 durch den Kurfürsten zum Gerichtsassessor in Wittenberg bestellt, 1550 Kanzler der Mansfelder Grafen und 1552 Hofrat des Merseburger Bischofs Michael Sidonius. Diese Karriere war sicherlich seinem Studium, aber wohl auch der Vermittlung der Wittenberger Reformatoren und dem Ansehen und Wirken seiner Mutter geschuldet.

Felicitas von Selmnitz konnte nach ihrem Umzug nach Halle die spannungsreichen Auseinandersetzungen zwischen Erzbischof Johann Albrecht von Brandenburg-Ansbach (1541/45-1550), städtischem Rat, Geistlichkeit und Bürgerschaft um die Einführung der Reformation und den Sieg derselben unter Erzbischof Sigismund von Brandenburg (1552-1566) mit verfolgen. Den Reformatoren Halles, Justus Jonas und Sebastian Boetius, schenkte sie vor ihrem Tod  am 01. Mai 1558 ihre umfangreiche Sammlung reformatorischer Schriften mit wertvollen Widmungen Luthers, Bugenhagens und Melanchthons für die sich im Aufbau befindende Marienbibliothek.

Im Todesjahr seiner Mutter erwarb Georg von Selmnitz ein Erbbegräbnis auf dem erst kürzlich im Bau begonnenen Stadtgottesacker, wo später auch die Grabplatte, welche Felicitas an der Seite ihres Mannes und einiger ihrer Kinder zeigt, Aufstellung fand (Bogen 12). 

Das Schicksal dieser Frau in den Zwiespälten einer von theologischen und machtpolitischen Ansprüchen geprägten Zeit, zwischen Reformation, Verfolgung, weiblicher – zumeist adliger – Emanzipation, Krisen, Seuchen und Kriegen fällt aus den schematischen Rollenbildern der „gehorsamen Weiber“ im Gefolge ihrer Männer heraus. Dieses Leben zwischen Selbstbestimmung und Unabhängigkeit machte ihr eine gleichberechtigte Stellung neben den etablierten Männern – die ihrerseits gegen eingeübte Machtkonstellationen den Aufstand probten – möglich und befähigte sie, in den sich entwickelnden protestantischen Stadtgesellschaften ihrer Aufenthaltsorte eine angesehene Position einzunehmen. So traditionell und unbedeutend, wie sich ihre Stellung aus der Inschrift des Grabsteins herauslesen ließe, war die bei ihrem Tod 70-jährige belesene und hoch geehrte Witwe nicht. Ihren Zeitgenossinnen schien sie vorbildhaft und weiblichen wie männlichen Nachfahren späterer Jahrhunderte nahezu revolutionär gewesen zu sein.

Stefan Auert

 


Literatur

Bagenski, Rudolf von: Geschichte der Familie von Selmnitz, ergänzt u. hrsg. von Siegmar Schultze-Galléra, Halle (Saale) 1914.

Delius, Walter: Die Reformationsgeschichte der Stadt Halle a. S., in: Beiträge zur Kirchengeschichte Deutschlands, Bd. 1, Berlin (Ost) 1953.

Freybe, Peter (Hrsg.): Frauen fo(e)rdern Reformation. Elisabeth von Rochlitz, Katharina von Sachsen, Elisabeth von Brandenburg, Ursula Weida, Argula von Grumbach, Felicitas von Selmnitz, Wittenberg 2004.

Scholz, Michael: Residenz, Hof und Verwaltung der Erzbischöfe von Magdeburg in Halle in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, in: Residenzenforschung, Bd. 7, hrsg. v. d. Residenzenkommission der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Sigmaringen 1998.

Tietz, Anja A.: Der Stadtgottesacker in Halle (Saale), 1. Aufl., Halle (Saale) 2004.