Carl Robert (1850-1922)


Carl Robert wurde am 8. März 1850 in Marburg geboren. Er stammte von seiten beider Eltern aus traditionsreichen Akademikerfamilien mit französischen Wurzeln. Die Schulzeit verlebte er in Koblenz und Wiesbaden, wo der Vater jeweils als Arzt tätig praktizierte. Weit über das am Gymnasium geforderte hinaus hat Robert sich in dieser Zeit eine umfassende literarische Bildung erworben. 1868 begann er das Studium der Altertumswissenschaft, das er trotz einer Unterbrechung durch freiwillige Teilnahme am Deutsch-Französischen Krieg bereits 1873 in Berlin mit einer ausgezeichnet bewerteten Promotion abschloss.

Als Stipendiat des Deutschen Archäologischen Instituts und anschließend aus eigenen Mitteln reiste Robert in den folgenden drei Jahren durch Griechenland und Italien. Die antike (und auch die neuere) Dichtung interessierte ihn in gleichem Maße wie die Kunstdenkmäler. Er publizierte in Rom zu archäologischen Fragen, wandte sich für seine 1876 in Berlin erfolgte Habilitation aber wieder einem philologischen Thema zu. Im Alter von 26 Jahren hatte er sich bereits einen hervorragenden Ruf als Wissenschaftler erworben. Nachdem er Professuren in Zürich und Heidelberg abgelehnt hatte, wurde er 1877 in Berlin zunächst zum außerordentlichen Professor, 1880 dann zum ordentlichen Professor berufen. Als akademischer Lehrer verstand es Robert offensichtlich in besonderem Maße, sein profundes Wissen zu vermitteln und Studenten zu begeistern. Neben den abwechslungsreichen regulären Lehrveranstaltungen leitete er Lese- und Diskussionsabende in freundschaftlicher Runde.

Nach zehn Jahren erfolgreicher Lehrtätigkeit in Berlin wechselte Carl Robert an die hiesige Universität. Zwar verzichtete er damit auf viele Möglichkeiten, die die Hauptstadt bot, mit dem im Bau befindlichen neuen Gebäude für das Archäologische Museum am Universitätsplatz erhielt die Archäologie in Halle aber zu dieser Zeit gerade einen besonderen Stellenwert. Carl Robert war der Richtige, die hier geweckten Erwartungen zu erfüllen. Am 9. Dezember 1891 konnte er das neue Museum einweihen, in den folgenden dreißig Jahren füllte er es mit Leben. Übungen und Seminare im Museum, direkt anhand der Originale und Abgüsse, richteten sich nicht nur an Fachstudenten, sondern vermittelten einem breiteren Hörerkreis kulturelle Bildung. An drei Tagen in der Woche war das Museum für die Allgemeinheit geöffnet, regelmäßig lud Robert zu populären Vortragszyklen ein.

Er vergrößerte die Sammlungen erheblich, bis selbst das großzügig bemessene Gebäude zu eng wurde. Unterstützung erhielt er dabei von zahlreichen Stiftern, interessierten Bürgern der Stadt. Eine besondere Freundschaft verband Carl Robert mit Heinrich Franz Lehmann, dem führenden Bankier in Halle. Dieser finanzierte nicht nur bedeutende Ankäufe, sondern gründete auch mit Robert gemeinsam einen Verein zur Wiederbelebung des Goethetheaters in Bad Lauchstädt. Zur Aufführung kamen auf der restaurierten Bühne unter Roberts Regie auch antike Stücke, die dieser selbst übersetzt und ergänzt hatte.

Roberts wissenschaftliches Hauptinteresse galt der Darstellung des Mythos in der Literatur wie in der bildenden Kunst und den wechselseitigen Beziehungen zwischen diesen beiden Gebieten. Neben zahlreichen Einzelpublikationen haben ihn zwei monumentale Werke über sein gesamtes Forscherleben beschäftigt: einerseits die Publikation der ca. 700 überlieferten römischen Reliefsarkophage mit Sagenbildern in vier großen Bänden des Sarkophagcorpus und andererseits die Neuausgabe der von Ludwig Preller begründeten Gesamtdarstellung der griechischen Mythologie, die er mit umfangreichen Ergänzungen versah. Daneben war Robert über vierzig Jahre einer der Herausgeber der wichtigen philologischen Zeitschrift Hermes.

In den Ämtern, die Carl Robert innehatte, zeichnete er sich durch gründliche Sachkenntnis und großes Verantwortungsbewußtsein aus. So galt das Rektorat, das er 1906/07 bekleidete, als vorbildlich und auch seine achtjährige Tätigkeit als Leiter der Wittenberger Stipendienstiftung fand große Anerkennung. So genau er es im Bereich der Verwaltung mit den Statuten nahm, so sehr schätzte und verteidigte er in der Wissenschaft die akademische Freiheit. Als Universitätsprofessor sah er seine vorrangige Aufgabe in der „Anleitung zum selbständigen Forschen“, nicht in der Abforderung von Prüfungsleistungen. Seine Überzeugungen formulierte er deutlich und nicht ohne trockenen Humor, so in der Rede zur Eröffnung des Archäologischen Museums: „Wissenschaftliche Arbeit läßt sich nicht betreiben wie Post- oder Telegraphendienst, und die Träger der wissenschaftlichen Arbeit soll man nicht verwechseln mit den Lastträgern bei kleinasiatischen Ausgrabungen.“

Carl Robert starb am 17. Januar 1922, nachdem er erst kurze Zeit vorher und nur ungern aus dem Universitätsdienst ausgeschieden war. Bereits zu Lebzeiten hatte er zahlreiche Ehrungen erhalten. Nun wurde als Zeichen der großen Wertschätzung, die er genoss, dem Gebäude des von ihm so stark geprägten archäologischen Universitätsmuseums der Name Robertinum verliehen.

Auch wenn Roberts Thesen heute in vielen Punkten von der Forschung überholt sind, fordert seine Leistung unverändert Respekt. Sein Archäologisches Museum hat ein wechselndes Schicksal erlitten, besteht aber bis heute als Ort lebendiger Forschung und Lehre. In Halle erinnern außerdem die nach ihm benannte Straße und sein nach antikem Vorbild geschaffener Grabstein auf dem Giebichensteiner Friedhof an den großen Gelehrten.

H. Löhr