Walter Rathenau (1867-1922)


Am 29. September 1867 wurde Walther Rathenau in Berlin geboren als Sohn des jüdischen Unternehmers Emil Rathenau, Begründer der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG), und der Bankierstochter Maria, geb. Nachmann. Ein erstes Studium der Physik, Chemie und Philosophie in Berlin und Straßburg schloss er mit der Promotion über "Die Absorption des Lichts in Metallen" ab. Nach einem anschließenden Studium des Maschinenbaus und der Chemie an der Technischen Hochschule München arbeitete er als Technischer Beamter der Aluminium-Industrie AG in Neuhausen (Schweiz). 1893 übernahm er als Geschäftsführer den Aufbau der Elektrochemischen Werke Bitterfeld, die er bis 1907 leitete. Hier setzte er seine Erfahrungen in der elektrolytischen Chlor- und Alkaligewinnung ein und wurde zu einem international anerkannten Fachmann auf dem Gebiet der Elektrochemie mit eigenen Patenten. Ab 1899 war er in leitenden Positionen für die AEG tätig, von 1902 bis 1907 im Vorstand der hauseigenen Bank, der Berliner Handels-Gesellschaft. 1904 wurde Rathenau Mitglied des Direktoriums der AEG und 1915, nach dem Tod seines Vaters, Aufsichtsratsvorsitzender und Präsident des Unternehmens.

Bis zum Kriegsbeginn 1914 hatte Rathenau über 80 Aufsichtsratsposten inne. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 übernahm er den Aufbau der Kriegsrohstoffabteilung im preußischen Kriegsministerium und organisierte die deutsche Kriegswirtschaft. Die AEG war stark an der Rüstungsproduktion für den Krieg beteiligt. Rathenau hat auch die Deportation belgischer Zivilisten mit zu verantworten, die dem kriegsbedingten Mangel an Arbeitskräften in Deutschland entgegenwirken sollte.

1918 beteiligte er sich an der Bildung der "Zentralarbeitsgemeinschaft der industriellen und gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer", die den organisatorischen Rahmen zum Stinnes-Legien-Abkommen gab, das tarifrechtliche Vereinbarungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern aushandelte. Im selben Jahr wurde Rathenau Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei.

Als Mitglied der zweiten Sozialisierungskommission im ersten Kabinett Wirth nahm Rathenau 1920 an der Konferenz von Spa über Abrüstung und Reparationslieferungen teil. Im darauf folgenden Jahr wurde er zum Wiederaufbauminister ernannt. Mit diesem Posten legte er sein Amt bei der AEG und sämtliche Aufsichtsratsfunktionen nieder. Der Wirtschaftskaufmann sollte für eine Politik des nationalen Ausgleichs sorgen. Mit seiner von ihm so betitelten „Erfüllungspolitik“ gestand Rathenau den Alliierten die Reparationszahlungen in voller Höhe zu, um zu zeigen, dass deren Erfüllung nicht realisierbar war.

Als offizieller Vertreter der Weimarer Regierung bei der Konferenz von Cannes 1922 erreichte Rathenau tatsächlich die Herabsetzung der laufenden deutschen Reparationszahlungen. Im Januar wurde er zum Außenminister im zweiten Kabinett Wirth ernannt. In der Konferenz von Genua schloss er den Rapallo-Vertrag ab, der auf eine Normalisierung der wirtschaftlichen und diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Sowjetrussland zielte.

Seine Ausgleichspolitik brachte Rathenau die Feindschaft nationalistischer und antisemitischer Kreise ein, die am 24. Juni 1922 zu seiner Ermordung durch Angehörige einer rechtsradikalen Geheimorganisation führte.

Rathenaus Wunsch, auch außerhalb der von seinem Vater vorgezeichneten Karriere als Unternehmer eine gesellschaftliche Position zu erlangen, war infolge seiner jüdischen Herkunft erschwert. 1911 schrieb er: „In den Jugendjahren eines jeden deutschen Juden gibt es einen schmerzlichen Augenblick, an den er sich zeitlebens erinnert: wenn ihm zum ersten Male voll bewußt wird, daß er als Bürger zweiter Klasse in die Welt getreten ist und daß keine Tüchtigkeit und kein Verdienst ihn aus dieser Lage befreien kann.“

Zeit seines Lebens hat sich Rathenau zur Malerei und Literatur hingezogen gefühlt, erwog sogar die schönen Künste zu studieren, oder aus dem Fabrikalltag dahin zu flüchten. Erhalten haben sich zahlreiche gesellschaftskritische Schriften, philosophische Auseinandersetzungen mit Wirtschaft und Politik seiner Zeit. 1909 erwarb Rathenau das Schloss Freienwalde der preußischen Königin Friederike Luise (1751-1805) und ließ dieses im klassizistischen Stil renovieren. Eine Reihe von Skizzen und Pastellen dieses Anwesens stammen von seiner Hand. In Berlin-Grunewald ließ er sich ein Haus nach eigenen Plänen errichten. Lange Jahre war Rathenau mit dem Berliner Verleger Maximilian Harden befreundet, der ihn mit Vertretern der literarisch-künstlerischen Opposition der Kaiserzeit wie Franz Wedekind, Stefan Zweig, Max Sternheim, Hugo von Hofmannsthal und Harry Graf Kessler bekannt machte. Auch Gerhard Hauptmann gehörte zu Rathenaus Freunden. Rathenaus eigene Werke beklagen die „Mechanisierung“ als Grundübel der Gegenwart und entwerfen die Vision einer ethisch begründeten neuen Ordnung.

Sein Freund Stefan Zweig charakterisierte Rathenau als “amphibisches Wesen zwischen Kaufmann und Künstler, Tatmenschen und Denker“. Seine vielschichtige Persönlichkeit war geprägt von Widersprüchen. Zweifellos hat er sich jedoch in einer Umbruchszeit große Verdienste erworben.


Quellen:
www.rathenau.ch (Portal der Walther Rathenau Gesellschaft)
Martin Sabrow: Walther Rathenau – der Mann vieler Biographien. (http://www.schule.de:8080/wro/schulgeschichte/walther-rathenau/sabrow.pdf)
www.anhalt-bitterfeld.de/de/page-110003000370.html
www.dhm.de/lemo/html/biografien/RathenauWalther/index.html