Wilhelm Raabe (1831-1910)


Am 8. September 1831 wurde Wilhelm Raabe als erster Sohn des Justizbeamten Gustav Karl Maximilian Raabe (1800–1845) und dessen Frau Auguste Johanne Friederike Jeep (1807–1874) in Eschershausen im Weserbergland geboren. Er besuchte die Schulen in Holzminden, Stadtoldendorf und nach dem Tod des Vaters 1845 in Wolfenbüttel. Ohne Abitur verließ er die Schule und begann eine Buchhändlerlehre in Magdeburg, die er aber 1853 ohne Abschluss abbrach. Nach erneutem Aufenthalt in Wolfenbüttel bei seiner Mutter, ging Raabe als Gasthörer an die Berliner Universität und hörte hier Vorlesungen über Literatur, Philosophie und Geschichte. Dort schrieb er 1855-56 seinen ersten Roman Die Chronik der Sperlingsgasse, der verschiedene Erzähltechniken vereint: Briefe, Erinnerungen, traumartige Rückblenden, Aufzeichnungen aus Vergangenheit und Zukunft. Den Beginn seines schriftstellerischen Schaffens legte Raabe auf den 15. November 1854 fest und nannte diesen Tag den „Federansetzungstag“. Zwar wiederum ohne Abschluss, aber mit dem Manuskript seines Erstlingswerkes kehrte er nach Wolfenbüttel zurück. Die Kritik nahm die unter dem Pseudonym Jakob Corvinus veröffentlichte Chronik mit Begeisterung auf, und Raabe arbeitete fortan als freier Schriftsteller.

Raabe unternahm kleinere Reisen innerhalb Deutschlands. Vom 1. Oktober 1857 an, auf einer Reise zu Verlagsverhandlungen nach Berlin, führte er Tagebuch (bis kurz vor seinem Tod). Dessen knappe unemotionale Einträge nutzte er für seine Geschichten, dem heutigen Interpret seiner Arbeiten dienen sie als Orientierungshilfe. 1862 zog Wilhelm Raabe mit seiner Familie nach Stuttgart. Hier entstanden u.a. die Romane Der Hungerpastor (1864), Abu Telfan oder die Heimkehr vom Mondgebirge (1864) und Der Schüdderump (1869) sowie historische Novellen und Erzählungen. Von 1870 bis an sein Lebensende lebte Familie Raabe in Braunschweig. Hier schrieb er den Großteil seiner Werke, darunter Pfisters Mühle (1884), das sich mit dem Thema der Umweltverschmutzung und Problemen der Industrialisierung auseinandersetzt.

Heldinnen und Helden seiner Werke sind oft Personen am Rande der Existenz, Außenseiter der Gesellschaft. Hauptthema ist deren Überlebenskampf in politischer und sozialer Hinsicht. Raabe „beobachtete die Folgen der Landflucht, geschichtsvergessene Stadtentwicklung, umwelt- zerstörenden Bauboom und die immer intensiver betriebene Land- und Forstwirtschaft. Er registrierte die negativen Folgen der industriellen Revolution und des langsam aufkommenden Massentourismus.“ (Eschershausen) Die Geschichten haben keine verzweigten spannenden Handlungen. Sie beschränken sich oft auf kurze Zeitabschnitte, in denen sich jedoch ein umfassendes Bild über Rückblenden, Traumbilder und Zukunftsverweise aufbaut. Besonders in seinem Spätwerk sind Zeitschichten ineinander verwoben und die lineare Zeitfolge ist aufgehoben. Raabe arbeitete dabei intensiv mit Zitaten und Verweisen auf ältere oder zeitgenössische Literatur, was dem Leser nicht auf den ersten Blick auffällt, die Werke jedoch als ausgeklügelte Kunstwerke zeigt.

Eine weitere Begabung Raabe, die er bereits in der Schulzeit zeigte, war das Zeichnen. Im Stadtarchiv Braunschweig befinden sich über 550 Aquarelle und Zeichnungen, Feder- und Bleistiftzeichnungen mit figürlichen Motiven, humoristisch-karikaturistische Darstellungen und Landschaften. Raabe hat sich jedoch in erster Linie als „Romanschreiber“ gesehen, das Zeichnen und Malen waren für ihn eine Nebentätigkeit von eher privater Natur.

In seinen späteren Jahren erhielt Wilhelm Raabe vielfach Auszeichnungen. Von den Universitäten Tübingen, Göttingen und Berlin erhielt er die Ehrendoktorwürde. Braunschweig und seine Geburtsstadt Eschershausen ernannten ihn zum Ehrenbürger. Die Schillerstiftung verlieh ihm 1886 einen lebenslangen Ehrensold. Nach seinem letzten Roman Hastenbeck 1899 bezeichnete er sich als Schriftsteller a. D. und betreute die Neuauflagen seiner Werke.

Am 15. November 1910 (der 56. Wiederkehr des Federansetzungstages) starb Wilhelm Raabe in Braunschweig. Auf dem Zentralfriedhof in Braunschweig erhielt er ein Ehrengrab.


Quellen:
Hans Oppermann: Wilhelm Raabe, 1970/2001, (rowohlts monographien)
Internetseiten des Heimat- und Kulturvereins Eschershausen e. V. und der Wilhelm-Raabe-Forschungsstelle der Stadt Braunschweig