Gottfried Wilhelm (Freiherr von) Leibniz (1646-1716)
„THEORIA CUM PRAXI“

Der Universalgelehrte des 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts wirkte als Autodidakt u.a. auf den Gebieten der Mathematik, des Rechts, der Politik und der Philosophie. Bedeutung erlangte er darüber hinaus als Diplomat und Ingenieur. Mit seinem Theoria-cum-praxi-Postulat, das über seinem Gesamtwerk steht, forderte er die wechselseitige Bezogenheit von Theorie und Praxis durch die Anwendungsperspektive der Theorie und die theoretische Fundierung der Praxis. Ein lebens- und weltbejahender Optimismus prägte sein rationalistisch-humanistisches Weltbild, mit dem er die mechanistische Natur mit dem christlichen Glauben versöhnen wollte.
Eine Harmonie in Natur und Geschichte folgte ihm aus der Überzeugung, daß die Welt die „beste aller möglichen Welten“ sei.    

Zeittafel 

1.7.1646        (21. Juni alten Stils) Geburt in Leipzig.
1653-1661     Besuch der Nikolai-Schule.
1661-1666     Studium der Philosophie (Jakob Thomasius) in Leipzig, Mathematik in
                      Jena und Rechtswissenschaften in Leipzig. Promotion zum Doktor
                      beider Rechte in Altdorf. Ablehnung einer Professur.
1667-1670     Reise nach Holland. Mitarbeit an der Neufassung des „Corpus juris“,
                      Revisionsrat am Oberappellationsgericht und Anstellung am Hofe des
                      Kurfürsten und Reichskanzlers Johann Philipp von Schönborn in Mainz.
                      Reise in diplomatischer Mission nach Paris.
1673              Vorstellung des ersten Modells der Vier-Spezies-Rechenmaschine (mit
                      Sprossenrädern) der „Royal Society“ in London, deren Mitglied er wird.
                      Rückkehr nach Paris. Entwicklung der Infinitesimalrechnung unabhängig
                      von Newton.  
1676-1679     In Diensten des hannoverschen Herzogs Johann Friedrich als
                      Herzoglicher Hofrat und Bibliothekar (bis zu seinem Tod). Anfertigung
                      philosophischer, mathematischer und naturwissenschaftlicher Studien.
1679-1685     Mehrjähriger Aufenthalt im Harz zur technischen Verbesserung der
                      Bergwerke.
1685-1690     Im Auftrag des Herzogs Ernst August ausgedehnte Reisen (u.a.
                      Italien) zur Erforschung der Geschichte des Welfenhauses.
1691-1698     Leiter der Biblioteca Augusta in Wolfenbüttel. Braunschweig-
                      Lüneburgischer Geheimer Justizrat. Bau von zwei weiteren, großen
                      Vier-Spezies-Rechenmaschinen (mit Staffelwalzen). Bearbeitung
                      philosophischer, mathematischer und naturwissenschaftlicher
                      Themen.
1698-1711     Geheimer Justizrat in Hannover, Brandenburgischer Geheimer
                      Justizrat. Gründung der „Brandenburgischen Sozietät der
                      Wissenschaften“, deren Präsident er wird. Zwei Begegnungen mit Zar
                      Peter I. von Rußland, den er berät; Ernennung zum Russischen
                      Geheimen Justizrat.
1700              Auswärtiges Mitglied der Pariser „Académie des Sciences“.  
1711-1716     Prioritätsstreit Leibniz-Newton wird von der „Londoner Royal Society“
                      gegen Leibniz entschieden. Aufenthalt in Wien (ab 1713) als
                      Reichshofrat.  
14.11.1716    Tod in Hannover. Beisetzung in der Neustädter Hof- und Stadtkirche
                      St. Johannis.
 
Werk 

Die Schriften von Leibniz sind eher Gelegenheitsschriften, die größtenteils in seiner Schublade verblieben und erst nach seinem Tod herausgegeben wurden. Er konnte kaum die Fülle von Ideen und Gedanken, die seinen Geist beschäftigten, notieren: „Beim Erwachen hatte ich schon so viele Einfälle, daß der Tag nicht ausreichte, um sie niederzuschreiben.“  Insofern fällt mangels größerer Buchproduktionen sein Werk im Vergleich mit zeitgenössischen Universitätsgelehrten, die meist auch Lehrbücher verfasst haben, eher bescheiden aus. Sein Gedankengut hat sich insbesondere im umfangreichen Briefwechsel niedergeschlagen.
Der Leibniz-Nachlass umfasst über 15 000 Briefe und 50 000 Abhandlungen auf 200 000 Blättern in sieben Sprachen und ist einer der größten Gelehrtennachlässe überhaupt. Mehrbändige Werkausgaben erschienen ab 1768. Erst 1920 beschloss die Preußische Akademie der Wissenschaften die Edition einer Gesamtausgabe. 1985 wurde die Leibniz-Edition in das Akademienprogramm des Bundes und der Länder aufgenommen. Bis dahin sind 19 Bände gedruckt worden. Seitdem wurden weitere 33 Bände von durchschnittlich 870 Seiten vorgelegt; damit sind also insgesamt 52 Bände dieses Umfangs veröffentlicht. Die nunmehr von der Berlin-Brandenburgischen und der Göttinger Akademie der Wissenschaften zu verantwortende und vom Berliner Akademie-Verlag bzw. Verlag Walter de Gruyter betreute Edition Leibniz: Sämtliche Schriften und Briefe (Akademie-Ausgabe) wurde im Verlauf der Zeit auf gegenwärtig acht Reihen mit insgesamt mehr als einhundert Bänden konzipiert, von denen dreihundert Jahre nach Leibniz’ Tod kaum die Hälfte vorliegen.
 
Wichtige Schriften:
 
Dissertatio de arte combinatoria. Leipzig 1666. (Über die Kunst des logischen Kombinierens. Veröffentlicht Frankfurt (H.C. Cröker) 1690.)
 
Discours de métaphysique. 1686. (Metaphysische Abhandlung)
 
Système nouveau de la nature et de la communication des substances, aussi bien que de l'union qu'il y a entre l'âme et le corps. 1695. (Neues System über die Natur, den Verkehr zwischen den Substanzen und die Verbindung zwischen Seele und Körper. Veröffentlicht 1695 in der Zeitschrift Journal des Savans.)
 
Essais de Théodiceé  sur la bonté de Dieu, la liberté de l'homme et l'origine du mal. Amsterdam 1710. (Abhandlungen über die Theodizee von der Güte Gottes, der Freiheit des Menschen und dem Ursprung des Bösen. Verfasst auf Wunsch der Kurfürstin Sophie Charlotte Herzogin von Braunschweig und Lüneburg.)
 
Principes de la nature et de la grâce fondés en raison. 1714. (Vernunftprinzipien der Natur und der Gnade. Bestimmt für den Prinzen Eugen von Savoyen. Teilweise wörtliche Übereinstimmung mit der Monadologie. Veröffentlicht 1718 in der Zeitschrift: L’Europe savante.)
 
La monadologie. (Monadolgie. 1720 in deutscher Übersetzung erschienen, das französische Original wurde erst 1840 veröffentlicht.)
 
Ingomar Kloos
April 2016