Fritz Kunert (1850 – 1931)


Am 15. September 1850 wurde Fritz Kunert in Alt-Landsberg (Niederbarnim) bei Berlin geboren. Nach Volksschule, Gymnasium und einer dreijährigen Ausbildung zum Volksschullehrer arbeitete er von 1871 bis 1886 im preußischen Schuldienst in Berlin und lehrte zeitweilig auch in Konstantinopel. 1875 trat Kunert aus der evangelischen Kirche aus und wurde Mitglied der Berliner Freien Gemeinde. Zudem trat er der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (ab 1890 SPD) bei. Es folgte eine konfliktreiche Zeit, da er wie andere Sozialdemokraten wegen seines Einsatzes für Menschlichkeit und Gerechtigkeit politisch verfolgt wurde. Nach einer Strafversetzung schied Kunert 1887 aus dem Lehramt aus, arbeitete zeitweilig als Kaufmann, dann als Korrektor am „Berliner Volksblatt“ (Vorläufer des „Vorwärts“) und bis 1889 als Lehrer an der Berliner Freien Gemeinde. In den zurückliegenden Jahren führten ihn mehrjährige Reisen durch Südeuropa, Vorderasien, und Nordafrika.

In den Jahren 1888/89 war Kunert als sozialdemokratischer Einzelkandidat Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung. 1889 und 1900 reiste er als Deputierter zu den beiden internationalen sozialdemokratischen Kongressen in Paris.

Ab 1887 war Kunert als Journalist und Schriftsteller tätig, er war „Mitarbeiter einer großen Anzahl ausschließlich sozialdemokratischer Zeitungen auf politischem, sozialem, pädagogischem und hygienischem Gebiet“ (Reichstagshandbuch, biograph. Notiz 1919). Bis 1891 arbeitete er als Redakteur der „Schlesischen Nachrichten“ und der „Schlesischen Volkswacht“ in Breslau. Von 1894 bis 1917 war er Redaktionssekretär des „Vorwärts“ (Zentral-Organ der SPD) in Berlin, zeitweilig auch verantwortlicher Redakteur.

Im Jahre 1892 erschien der Gedichtband „Soziale Weckrufe“ im Verlag der Volksbuchhandlung Halle, eine Sammlung von sozialpolitischen Gedichten, herausgegeben von seiner Frau Marie Luise für den wegen Pressevergehen und Majestätsbeleidigung inhaftierten Autor. Weitere Schriften hießen „Fernziele“, „Heilige Vehme des Militarismus“ (1893), „Mekka“.

Bis zu seinem Ausscheiden aus der Politik 1924 war Kunert Abgeordneter der SPD im Reichstag. Seine Reden richteten sich unter anderem gegen die Militärgerichtsbarkeit, er warb für Religionsfreiheit, Pressefreiheit und bessere Arbeits- und Lebensdingungen für die Arbeiter. Wiederholt war der Sozialdemokrat „in politische Prozesse verwickelt“, in deren Folge er Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und mehrere Jahre Untersuchungs- und Gefängnishaft erdulden musste.

Von 1890 bis 1918 war Kunert als Kandidat der SPD mit dem 4. Merseburger Reichtagswahlkreis Halle-Saalkreis verbunden. Es gelang ihm, den Wahlkreis für die SPD zu erobern und er vertrat diesen in den Jahren 1890–1893, 1896–1907, 1909–1918. Mit jeder Wahl stieg die Zahl der sozialdemokratischen Stimmen. Kunerts große Popularität vor dem ersten Weltkrieg verdeutlicht die Parole der halleschen Arbeiter:

„Wählt Kunert Fritzen
  der kann euch was nützen!“

Von 1919 bis 1920 war Kunert Mitglied der verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung in Weimar, wo er sich besonders für die Trennung von Kirche und Staat sowie die Verstaatlichung des Gesundheitswesens einsetzte. 1917 schloss er sich der USPD an, kehrte 1922 zur SPD zurück, und nahm zwei Jahre später altersbedingt Abschied von der Politik. Kunerts Ehefrau Marie Luise, geb. Bombe (1871–1957) wirkte als SPD-Abgeordnete im Preußischen Landtag und Deutschen Reichstag in der Sozial- und Kulturpolitik. Am 26. November 1931 starb Fritz Kunert in Berlin.

1912 wurde in Bruckdorf die Königstraße angelegt, nach dem Zweiten Weltkrieg (1946) erfolgte die Umbenennung in Fritz-Kunert-Straße. Seit 1958 erscheint der Name im Straßenverzeichnis, zwischenzeitlich mit falscher Schreibweise (Kuhnert).

Quellen:
Stadtarchiv Halle (Beiträge von W. Piechocki und R. Jacob sowie zeitgenössische Quellen)
http://www.reichstagsprotokolle.de/index.html

Kunert, Fritz: Soziale Weckrufe, Halle 1892

Die „Freiheit“ des Arbeiters
Dem Unternehmertum ins Album

Ja, er ist frei, ist wunderherrlich frei!
Frei darf er bieten Leib und Geist als Ware, --
Frei wechselt er den Herrn bis an die Bahre
Und schleppt das Eisenjoch der Sklaverei.

Wie ungebunden, ja wie göttlich frei! --
Trotz seiner durch die Mühsal grauen Haare,
Trotz aller treuen Arbeit vieler Jahre
Ist er vor allen Menschen vogelfrei.

Geknechtet wurden unsrer Brüder Seelen,
Der Freiheit Stolz entehrt in Schmach und Hohn,
Und Phrasen mußten frechen Raub verhehlen;

Nun ruft der Neuzeit Stimme markig schon,
Daß es durch die Paläste dröhnt und gellt:
„Der Arbeit Fahne hoch! Die Knechtschaft fällt!“