Ernst Otto Heinrich Kohlschütter (1837-1905)


Am 26. Dezember 1837 wurde Ernst Kohlschütter als Sohn des praktischen Arztes Otto Kohlschütter und seiner Frau Henriette geb. Heydenreich in Dresden geboren. Den ersten Unterricht erhielt er vom Vater und Hauslehrern, später besuchte er die sächsische Fürstenschule St. Afra in Meißen. Nach dem frühen Tod des Vaters entschloss sich Kohlschütter Medizin zu studieren, um die Familie bald unterstützen zu können. 1862 wurde er in Leipzig zum Doktor der Medizin mit einer Arbeit „Über die Festigkeit des Schlafes“ promoviert.  Kurz darauf kam er als Assistent des damaligen Direktors der Medizinischen Fakultät, Professor Theodor Weber nach Halle. 1866 habilitierte er sich für innere Medizin und wurde 1875 zum außerordentlichen Professor ernannt. Da dieses Amt unbesoldet war und Kohlschütter keinen Ruf als ordentlicher Professor mit festem Gehalt erhielt, war er auf das Einkommen aus seiner Tätigkeit als praktischer Arzt und aus Vorlesungshonoraren angewiesen. Dies führte wiederum dazu, dass er wenig auf wissenschaftlichem Gebiet publizieren konnte.

Die Schwierigkeiten seiner akademischen Laufbahn beruhten auf Kohlschütters politischer Haltung, welche von den Universitätsbehörden und vom preußischen Kultusministerium missbilligt wurde. Kohlschütter war Mitbegründer und zeitweise Vorsitzender des „Vereins der Liberalen in Halle und dem Saalkreis“. Bei den Wahlen zum deutschen Reichstag 1890 ermöglichte Kohlschütter erstmals den Einzug eines Sozialdemokraten, Fritz Kunert, um den halleschen Wahlkreis in Berlin zu vertreten.

Als Folge seiner politischen Aktivitäten kündigte Kohlschütter Vorlesungen (über Bäder- und Klimaheilkunde und über spezielle Pathologie und Therapie) nur noch pro forma an und verfolgte umso mehr seine kommunalpolitische Tätigkeit. 1879 zum ersten Mal und ab 1892 bis zu seinem Tod war er Stadtverordneter. Als Mitglied der Gesundheits- und Schulkommission sowie der Museumsdeputation kümmerte er sich um die sanitären, sozialen und kulturellen Belange der durch die Industrialisierung rasch wachsenden Stadt Halle.

In Glaucha hatte Kohlschütter die Leitung des städtischen Krankenhauses inne, sorgte sich vor allem um die ärztliche Behandlung der ärmeren Bevölkerung. Nach der Cholera-Epidemie 1866, bei der er sich selbst infizierte, setzte er sich für den Bau einer städtischen Wasserleitung und den Ausbau der Kanalisation in Halle ein, um mit der Verbesserung der hygienischen Lebensbedingungen den Nährboden für Krankheiten zu beseitigen. Von einer weiteren Cholera-Epidemie blieb die Stadt denn auch verschont. Um erholungsbedürftigen, finanziell benachteiligten halleschen Kindern einen Urlaub zu ermöglichen, gründete Kohlschütter 1880 eine erste Ferienkolonie. Für drei Wochen fuhren sechzehn Kinder nach Güntersberge im Harz, um sich dort bei ausreichend Verpflegung und viel frischer Luft zu kräftigen. Bis zu Kohlschütters Tod fuhren rund 3000 Kinder in zehn Ferienkolonien u. a. nach Friedrichsbrunn, Harzgerode, Oranienbaum. Um die Organisation der Fahrten finanziell abzusichern, wurden sie als eine eigene Abteilung dem 1874 gegründeten „Verein für Volkswohl“ angegliedert, dessen Vorsitz Kohlschütter ab 1894 innehatte. Daneben eröffnete der Verein Volksküchen und Volkskaffeehallen (ohne Alkohol) und eine Volkslesehalle am Hallmarkt (heutige Stadtbibliothek), eine Arbeitsnachweisstelle (Arbeitsvermittlung) sowie Fortbildungsschulen und Kinderspielplätze. Als Mitglied der Museumskommission war Kohlschütter maßgeblich am Aufbau des Kunstmuseums in der Moritzburg beteiligt.
Ernst Kohlschütter war in dritter Ehe mit der Pianistin Helene Spielberg verheiratet. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor, von denen die Söhne Ernst und Arnold bedeutende Wissenschaftler auf den Gebieten Geodäsie und Astronomie wurden. Von 1881 bis 1902 wohnte Kohlschütter mit seiner Familie in dem von ihm erbauten Haus in der Karlstraße 34, heute Heinrich-und-Thomas-Mann-Straße 26. Das Haus war eine Stätte der Begegnungen, wo auch Ausstellungen des „Kunstvereins Halle“ zu sehen waren. Schwerhörig und herzkrank zog sich Kohlschütter ab 1902 vom öffentlichen Leben etwas zurück und wohnte in der Burgstraße 28/29. Bei einem Kuraufenthalt in Bad Salzschlirf erlag er am 7. September 1905 einem Herzinfarkt.

Noch im selben Jahr, wenige Wochen nach Kohlschütters Tod, erhielt der Straßenzug zwischen der Reilstraße und der 1905-1908 erbauten städtischen Oberrealschule seinen Namen, um so dem verdienten Arzt und Kommunalpolitiker ein Denkmal zu setzen. In seinem Hauptwirkungsort Glaucha wurde 1991 eine Apotheke nach Kohlschütter benannt. Sein Grab befindet sich auf dem Nordfriedhof in Halle.
Antje Löhr-Dittrich



Quellen:
Kohlschütter, Ernst: Afranisches Ecce 1905. Sonderabdruck: Ernst Otto Heinrich Kohlschütter, Afr. 1850-1856. Dresden: Niederlage des Vereins ehemaliger Fürstenschüler, 1905.
Stadtarchiv Halle FA 3424 (mehrere Zeitungsartikel in verschiedenen halleschen Zeitungen von Werner Piechocki)