Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Joseph von Eichendorff, mit vollem Namen Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff, wurde am 10. März 1788 als zweiter Sohn auf Schloss Lubowitz bei Ratibor in Oberschlesien geboren. Schloss Lubowitz war von der Mutter Karoline, geb. Freiin von Kloch (einer alten schlesischen Adelsfamilie) ererbt worden. Der Vater, Freiherr Adolf Theodor Rudolf von Eichendorff, erwarb durch Erbschaft und Kauf einen nicht unbedeutenden Grundbesitz in Schlesien und Mähren.

Zunächst wurde Joseph Eichendorff mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Wilhelm zu Hause unterrichtet. Von 1801-1804 besuchte er das St.-Josephs-Konvikt des katholischen Gymnasiums in Breslau. Es gab schon hier erste literarische Versuche, wie z. B. Reiseeindrücke sowie Gedichte. Mit dem Jahr 1800 beginnen seine Tagebuchaufzeichnungen.

Am 30. April 1805 kam Eichendorff, wiederum mit seinem Bruder, für insgesamt drei Semester nach Halle, um an der renommierten Fridericiana Jura zu studieren. Daneben besucht er aber auch Vorlesungen über Philologie, Philosophie und Psychologie. Viele bekannte hallesche Professoren gehörten zu seinen Lehrern, so z. B. Wolf, Schleiermacher und Steffens. Außerdem frönte er in Halles Umgebung und besonders in Lauchstädt seiner Leidenschaft für das Theater. Die Rückkehr nach Halle im Herbst 1806 nach einem Ferienaufenthalt in der Heimat wurde durch die Besetzung der Stadt und die Auflösung der Universität durch Napoleon vereitelt, so dass die Brüder ihr Studium in Heidelberg fortsetzten. Erst 1855, zwei Jahre vor seinem Tod, besuchte Eichendorff von Köthen aus, wo er sich einige Monate aufhielt, noch einmal die Stadt Halle. In dem am Ende seines Lebens gefertigten autobiographischen Text “Halle und Heidelberg” schildert Eichendorff diese beiden Orte als Quellen der romantischen Ideen, die sein Leben als Dichter und Schriftsteller bestimmten. Hier nimmt er auch sein 1841 entstandenes bekanntes Gedicht “Bei Halle” wieder auf.

In Heidelberg setzte er sein juristisches Studium fort, vor allem aber wurde ihm Heidelberg zum Inbegriff der Romantik. Hier begegnete er den führenden Köpfen der literarischen Bewegung, vor allem dem charismatischen Joseph Görres. Zu eigener literarischer Produktion ermutigte den jungen Eichendorff der heute vergessene, damals jedoch literarisch einflussreiche Graf von Löben. Zusammen mit seinem Bruder Wilhelm beteiligte er sich an den Sammlungen in “Des Knaben Wunderhorns” von Achim von Arnim und Clemens Brentano, auch erste Dichtungen wurden durch die Bemühungen Otto von Löbens in Friedrich Asts Zeitschrift für Kunst und Wissenschaft unter dem Pseudonym Florens veröffentlicht.

Nach einer Reise nach Paris 1808 kehrte er über Wien nach Lubowitz zurück, um seinen Vater bei der Verwaltung der Güter zu unterstützen. 1809 verlobte sich Eichendorff mit Luise von Larisch, der Tochter eines ansässigen Gutsbesitzers. Nach einigen Monaten in Berlin, wo er an der neu gegründeten Friedrich-Wilhelm-Universität Fichte hörte, und mit Arnim, Brentano und Kleist zusammentraf, setzte er 1810 das Studium in Wien fort und schloss es 1812 ab. In Wien war das Haus Friedrich von Schlegels ein Zentrum reger literarischer Aktivitäten.

Von 1813 bis 1815 nahm Eichendorff an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil.

1815 heiratete er Luise von Larisch in Breslau. Aus der Ehe gingen zwei Söhne und eine Tochter hervor. Nach dem Tod des Vaters 1818 mußten die meisten der hochverschuldeten Güter der Familie verkauft werden, nach dem Tod der Mutter 1823 auch Schloss Lubowitz. Eichendorffs Beamtenlaufbahn im preußischen Staatsdienst begann 1816 als Referendar in Breslau und verlief über das Amt des katholischen Kirchen- und Schulrates zu Danzig und des Oberpräsidialrates zu Königsberg bis hin zum Geheimen Regierungsrat in Berlin 1841. 1844 ging er in den Ruhestand.

Als Dichter ist Eichendorff vor allem durch seine Lyrik bekannt. Zahlreiche Vertonungen (u. a. von Mendelssohn, Schubert oder Robert Franz) haben zur Verbreitung und der allgemeinen Bekanntheit seines lyrischen Werkes beigetragen, man denke nur an Abschied (“O Täler weit, o Höhen...”) oder Mondnacht (“Es war, als hätt' der Himmel die Erde still geküsst...”). Von seinen Prosawerken ist wohl “Aus dem Leben eines Taugenichts” das berühmteste. In seinem letzten Lebensjahrzehnt war Eichendorff vor allem publizistisch tätig. Es entstanden kritische und literaturhistorische Schriften, in denen er seinen Romantikbegriff verteidigte.

Am 26. November 1857 starb Eichendorff in Neiße (Schlesien). In Halle erinnert sowohl die Eichendorffstraße, die im Norden der Stadt die Reilstraße mit der Richard-Wagner-Straße verbindet, als auch die Eichendorffbank auf den Klausbergen an den berühmten Dichter.

Die Anfangszeile des Gedichtes “Bei Halle” wird auf dem Zusatzschild zu lesen sein, deshalb sei an dieser Stelle das Gedicht vollständig aufgeführt:

Da steht eine Burg überm Thale
Und schaut in den Strom hinein,
Das ist die frähliche Saale,
Das ist der Gibichenstein.

Da hab’ ich so oft gestanden,
Es blühten Thäler und Höh’n,
Und seitdem in allen Landen
Sah ich nimmer die Welt so schön!

Durchs Grün da Gesänge schallten,
Von Rossen, zu Lust und Streit,
schauten viel’ schlanke Gestalten
Gleichwie in der Ritterzeit.

Wir waren die fahrenden Ritter,
Eine Burg war noch jedes Haus,
Es schaute durchs Blumengitter
Manch schönes Fräulein heraus

Das Fräulein ist alt geworden,
Und unter Philistern umher
Zerstreut ist der Ritterorden,
Kennt keiner den andern mehr.

Auf dem verfallenen Schlosse,
Wie der Burggeist, halb im Traum,
Steh’ ich jetztz ohne Genossen
Und kenne die Gegend kaum.

Und Lieder und Lust und Schmerzen,
Wie liegen sie nun so weit –
O Jugend, wie thut im Herzen
Mir deine Schönheit so leid.


Quellen

Joseph von Eichendorff, Werke, Bd. 1, Leipzig 1864
Hermann Freiherr von Eichendorff: Joseph Freiherr von Eichendorff. Sein Leben und seine Schriften, Leipzig 1923
Allgemeine Deutsche Biographie, Bd. 5, 1877
Joseph von Eichendorff. Halle, Harz und Heidelberg – Autobiografisches, hrsg. v. Heidi Ritter und Eva Scherf, Halle 2008
Heid Ritter und Eva Scharf: Werkstatt für ein Dichterherz, in: ebda.